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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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- Sendung vom 15.2.2006

 

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Briefe und Berichte ehemaliger Heimkinder an den Buchautor

 

Ich bin ein ehemaliges Heimkind aus dem Kalmenhof in Idstein und schreibe über meine furchtbaren Erlebnisse aus meinen Kindertagen. Ich war von Ende der 50er Jahre bis September 1962 in Kalmenhof. Ich war sehr traurig, hatte Depressionen und habe viel geweint, weil ich nicht wusste, warum meine Eltern (Pflegeeltern) mich nicht mehr haben wollten. Ich wusste bis dahin noch nicht, dass ich Pflegeeltern hatte, das habe ich alles erst in Kalmenhof erfahren.

Ich musste im Kalmenhof viel arbeiten: der Holzfußboden musste mit Stahlspähnen auf Knien und mit den Händen geschrubbt werden, dann gebohnert und mit einem Bohnerklotz blank poliert werden. Ich musste auch im Waschhaus oder auf dem Feld schwer arbeiten.
Einmal die Woche, immer Sonnabends, wurde geduscht, wenn dann mal wieder ein Mädchen Schläge mit nassen Handtüchern von den anderen Mädchen bekam, hatte ich immer Angst. Es waren auch Mädchen dabei, die das Sagen hatten. Oft musste ich zur Erzieherin Frau Franz, das war für mich eine alte Hexe. Sie hat mich immer an den Haaren gezogen und eingesperrt, bei Wasser und Brot. Oft habe ich zwei Tage in diesem Waschraum verbracht.

Ich war davon so müde und kaputt und musste trotzdem hart arbeiten. Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten, ich bekam Krampfanfälle mit Bewusstlosigkeit. Ich kam ins Heimkrankenhaus, dort erlitt ich dann einen Anfall nach dem anderen. Meine Kinderseele war kaputt und hat sehr gelitten. Jeden Tag habe ich im Kalmenhofgelände diese weissen Kreuze gesehen, auch davon bekam ich Depressionen und hatte Angst, dass ich auch sterben muss und so ein Kreuz bekomme.

So viele Kinder sind da begraben, jeden Tag musste ich dort vorbei gehen zur Schule. Heute noch, nach 50 Jahren, bin ich krank davon. Ich möchte alles raus lassen, damit es mir etwas besser geht. Meine Kindheit und meine Jugend ist dahin, ich habe daran keine schöne Erinnerung. Ich habe Angststörungen, Depressionen und bin immer noch Tablettenabhängig. Ich glaube nicht, dass man sich dafür entschuldigen kann, für das Leid, das man mir und auch den anderen angetan hat, es ist nicht wieder gut zu machen.

Heimkind Monika Nagel, geb. Last (62)
10.9.2008
 

Nagel Kalmenhof 1961
Nagel Kalmenhof mit Edith
Nagel Kalmenhof 1961003

Monika Last im Kalmenhof, Konfirmation 1961: hinter dem Pfarrer, oben in der Mitte der Mädchengruppe und links mit Edith (Nachname unbekannt)

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer weiß etwas über den Verbleib von Edith?

 

Sehr geehrter Herr Wensierski!

Hier habe ich mehr über meine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Ich hoffe, es geht mir etwas besser danach.

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden aber die Wunden, die ich ertragen musste, werden nicht heilen, sie sind wie ein offenes Bein, das nie heilen wird.

Ich war schon als Baby im Heim in Bremen (Metzerstr.) bis zu meinem 3 Lebensjahr. Ich hatte die Krätze und war halb verhungert, als ich zu meinen Pflegeeltern kam. Es war dann mein Zuhause, aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Als ich zur Schule kam, war ich alt genug zum Putzen, ich musste bei meinen Pflegeeltern arbeiten, das heißt abwaschen, Küche sauber machen, alles, was anfällt. Wenn ich dann mal zum Spielen durfte, musste ich um 18 Uhr zu Hause sein, kam ich später, gab es Schläge, Stubenarrest und ohne Essen ins Bett. Dann bin ich meinen Pflegeeltern weggelaufen, ich hatte Angst nach Hause zu gehen, ich hatte Angst, dass mein Pflegevater mich wieder schlägt mit dem Gürtel.

Dann kam die Frau vom Jugendamt und holte mich von meinen Pflegeeltern ab. Sie sagte, ich würde in ein schönes Heim kommen und es ginge mir dort besser. Noch am selben Tag wurde ich zum Kalmenhof in Idstein gebracht. Es war für mich kein Heim, es war die Hölle. Warum wollten meine Pflegeeltern mich nicht mehr haben, warum musste ich hier in dieses Heim? Konnten sie mir nicht die Liebe geben, die ich brauchte? Warum bin ich weggelaufen, warum hat mich keiner gefragt, warum ich weggelaufen bin? Später habe ich erfahren, ich wäre sextriebhaft und schwachsinnig. Im Kindesalter sextriebhaft! Ich habe noch nicht einmal gewusst, was das bedeutet. Auch war ich immer sehr unruhig und nervös, ich hatte ständig Angst. Ich wollte dort nicht mehr bleiben und bin auch dort weggelaufen, mit zwei anderen Mädchen, da war ein Loch im Zaun, dort konnten wir durch, dann sind wir im Wald umher geirrt und wussten nicht, wo wir waren, dann sind wir von der Polizei aufgegriffen worden und zurück gebracht worden. Erst gab es Prügel, mich hat man in den Keller gebracht bei Wasser und Brot.
Auf einmal stand da ein Junge am Fenster, vor den Fenstern waren Gitter, er stand da und fragte, ob er helfen soll. Ich sagte „gehe zurück, sonst bekommen wir noch mehr Strafe“, ich weiß bis heute nicht, wer das war. Ich bin wieder zurück zu den anderen Mädchen, ich bekam auch die Strafe von den anderen Mädchen (fürs Weglaufen), unter der Dusche gab es Schläge mit nassen Handtüchern. Ich hatte nur eine Freundin und die hieß Edith. Wir hatten in der Woche auch Anstaltskleidung an, blau-grau kariert, und hoch geschnürte Schuhe, nur sonntags durften wir unsere eigene Kleidung tragen. Ich war sehr oft im Waschhaus zum Hemdenbügeln, von dort aus habe ich immer die weißen Kreuze gesehen, die mich depressiv gemacht haben und krank, ich musste auch immer an diesen Kreuzen vorbei, wenn ich zur Schule ging, immer musste ich an die Kinder denken, die da lagen. In der Schule wurden wir ständig beobachtet. Mir ging es immer schlechter. Auch musste ich auf den Feldern arbeiten, Erdbeeren, Himbeeren pflücken. Eines Morgens lag unter meinem Kopfkissen ein Brief, ich wusste nicht, wo der her kam, er war schon geöffnet, ich fing an, den Brief zu lesen. Da stand:

“Liebe Monika, ich bin deine Mutter, die auf dem Bild, und deine drei Geschwister, und du heißt nicht Schmidt, du heißt Last, es tut mir alles so leid, dass du da im Heim bist.”

In meiner Akte steht: woher hat die Mutter die Adresse und weiß, wo Monika ist. Ich habe geweint und war total fertig, weil ich nicht einmal wusste, dass ich Pflegeeltern habe, es wurde mir nie erzählt. Meine Gedanken waren immer nur bei diesen Leuten auf dem Bild, es war mir alles zuviel. Dann bekam ich die Tabletten zur Beruhigung, 3 x täglich 1 Tabl. Psyquil, 10 mg, damit hat man mich ruhig gestellt, ich war immer müde davon und musste auch noch schwer arbeiten. Ich bekam Krampfanfälle mit Bewusstlosigkeit, ich kam ins heimeigene Krankenhaus, dort bekam ich viele Krampfanfälle, keiner wusste, warum ich diese Krampfanfälle hatte.
Ich wurde konfirmiert und danach holten meine Pflegeeltern mich ab. Aber meine Pflegeeltern sollten mir immer schön die Tabletten geben, damit ich ruhig bleibe. Ich sollte dann in einer Buchdruckerei arbeiten. Dann lernte ich meinen ersten Mann kennen. Dieser Mann war brutal, weil ich noch keinen Sex wollte, vergewaltigte er mich und ich wurde schwanger. Meine Pflegemutter sagte mir, den musst du heiraten, sonst reden die Leute über uns. Ich wollte ihn nicht heiraten, weil er mich vor der Ehe schon immer betrogen hat. Ich bekam ein zweites Kind von ihm und nun musste ich ihn heiraten, meine Pflegemutter sagte: du kannst dich ja dann wieder scheiden lassen. Jeden Tag hat er mich geschlagen, wir hatten kein Geld, weil er immer in die Kneipe wollte, ich war immer allein mit den Kindern. Ich zog zu meinen Pflegeeltern mit den Kindern und ließ mich scheiden. Ich arbeitete jeden Tag bei Biomaris am Tage und abends in der Stadthalle zum putzen. Meine Pflegemutter hat auf meine Kinder aufgepasst.
Dann kam ich von der Arbeit und mein jüngster Sohn war nicht mehr da. Ich habe gefragt wo er ist, und meine Pflegemutter sagte mir, sie kann nur auf ein Kind aufpassen, der Kleine ist ins Heim gekommen, das Jugendamt hat entschieden. Ich habe um den Jungen gekämpft, ich wollte ihn zurück haben, ich war so verzweifelt, aber ich wusste, ich musste kämpfen. Dann lernte ich meinen zweiten Mann kennen, dieser Mann hat mir geholfen, den Jungen aus dem Heim herauszuholen. Wir haben dann auch bald geheiratet. Dann wollten wir auch ein Kind zusammen, aber es klappte nicht, nach 10 Jahren hat es endlich geklappt, wir freuten uns sehr, unser Sohn wurde am 14.05.1974 geboren, dann unsere Tochter am 13.10.1976 und noch ein Sohn 06.04.1980. Wir waren eine glückliche Familie, es ging uns gut und wir hatten alles, was wir wollten. Wir hatten jetzt 5 Kinder.
Am 6.12.1980 verloren wir durch ein großes Unglück unseren geliebten Sohn, er war der Erstgeborene aus zweiter Ehe. Er ist vor meinen Augen von einem Auto überfahren worden, er ist in meinen Armen gestorben, er war doch erst 5 Jahre alt. Ich habe es bis heute nicht verkraftet, ich war so verzweifelt, ich konnte mich nicht erholen, aber ich wusste ja, ich habe noch andere Kinder, für die ich da sein musste, ich war dann 8 Wochen in einer Klinik. Unser Leben ging weiter, mein Mann und ich haben zusammen gehalten.
Trotzdem kam wieder eine schwere Zeit für uns, unser Sohn wurde drogenabhängig, wir haben es erst gar nicht gemerkt, Es wurde immer schlimmer mit ihm. Er weinte, er war verzweifelt, aber ich war immer für ihn da. Er kam öfters ins Krankenhaus zum Entgiften. Dann lernte er ein liebes Mädchen kennen, die hat ihm dann geholfen ganz langsam, dass er wieder gesund wird. Heute ist er gesund, er hat eine schöne Wohnung und alles ist gut.

Heute weiß ich, warum ich immer Angstzustände habe, warum es mir oft schlecht geht und ich nicht mit dem Bus oder der Straßenbahn fahren kann – es sind zu viele Menschen da, ich bin lieber allein. Ich möchte hier meine Lebensgeschichte beenden und schreibe zum Schluss:

“Deine Gefühle und Meinungen verändern sich mit der Qualität dessen, was du erlebst.”

Es grüßt Sie

Frau Monika Nagel.
5.10.2008
 

Sehr geehrter Herr Wensierski,

lange hatte ich mit mir gerungen, Ihnen einen Brief zu schreiben. Ihren Spiegel-Artikel vom 19. Mai 2003 über die Heime im Ruhrpott habe ich mit Interesse gelesen. Wenn aber einige glauben, dass das schon harter Tobak war, dann müssten Sie mal meine Geschichte hören. Meine Tortur dauerte 12 Jahre, unter der Regie von Salvatorianerinnen, weit ab von jeder Wirklichkeit. Mit 6 Jahren bin ich ins Heim für schwer Erziehbare gekommen und mit 18 Jahren bin ich dann in ein Zuhause entlassen worden, das für mich völlig fremd geworden ist. Lange Jahre hatte ich daran zu beißen. Vom Bewusstwerden bis zur Bewusstlosigkeit. Diese Stationen meiner Odyssee waren prägend für mein ganzes Leben, bis heute. Minutiös kann ich mich bis heute an alles erinnern.

Mit freundlichem Gruß

Heinz R.
29.10.2008

Am 6.9.1943 kam ich in Breslau zur Welt, in der heutigen Nachbetrachtung war ich zu dieser Zeit ein Unfall. Mit drei Jahren sind wir, meine Mutter, meine Schwester und mein zweitältester Bruder vor den Russen geflüchtet. Mein ältester Bruder ist auf der Flucht verloren gegangen, doch der war damals alt genug und hat sich bis Dresden durchgefragt und uns wieder gefunden. Was dann auch das Glück später der ganzen Familie war. Davon berichte ich später. Die ganzen Verwandten meiner Mutter und meines Vaters sind, nachdem sie aus Schlesien flüchten mussten, in Dresden geblieben und in die Fänge des DDR-Systems gefallen. Nur der jüngste Bruder meiner Mutter ist nach Frankreich geflohen und ist auch dort geblieben. Der hat aber nie den Kontakt gesucht zu seinen Angehörigen, der wird seinen Weg gegangen sein. Meine damalige Familie ist nach Emden in ein Durchgangslager gekommen, wo die Leute in ganz Deutschland verteilt wurden. Wir kamen nach Duisburg Rheinhausen, wo mein Vater und meine Brüder Arbeit bekamen. Mein Vater auf der Zeche Kohle machen, es wurde Energie gebraucht. Mein Zweitältester Bruder, der meinem Vater am ähnlichsten vom Charakter her war, ging mit auf den Pütt. Der älteste hat einen Job als Binnenschiffer bekommen und war darüber sehr glücklich, er war unser Engel und brachte aus Holland und Belgien Zucker, Mehl, Kartoffeln und vor allen Dingen Zigaretten und Fleisch von jeder Reise mit. Immer wenn er von einer Reise wieder nach Hause kam, war es wie Weihnachten, dann gab es die Leckereien wovon alle nur geträumt hatten. Meine Schwester war ja auch noch da. Die hat bei einem Steiger, bzw. Bergbauingenieur geputzt. Im gleichen Maße hatte sie ein Auge auf den Sohn der Nachbarsfamilie geworfen, der liebe Herrmann W. Der Familie aus der ersten Generation der Polen war das gar nicht recht, weil wir ja die Pollacken waren. Es hat aber nicht lange gedauert und sie war schwanger, wohnte aber noch in zwei Zimmern mit kleiner Wohnstube und Küche noch mit allen unter einem Dach. Gleichzeitig hatte meine Mutter aber noch eine Flüchtlingsfamilie bei uns wohnen lassen. Also Stress und Theater vorprogrammiert. wir schliefen mit drei Mann in einem Bett, im Wohnzimmer wurden für die Flüchtlinge Schlafstätten eingerichtet, bis heute weiß ich nicht, wie das alles geklappt hat, aber es ging eine Zeit lang gut - mehr oder weniger. Mich hatte man ein Jahr von der Schule zurückgestellt, weil ich noch nicht reif war. Meine Mutter hatte volles Programm. Essen kochen, Wäsche waschen, Haushalt machen, Backen, Klamotten flicken und die verdreckten Klamotten vom Pütt kochen und waschen, die Hölle. Meine Aufgaben waren einkaufen gehen mit Marken, Kohlen schleppen, Asche runter tragen, Rüben nachlesen auf dem Feld, davon gab es dann aus einer bei uns in der Nähe angesiedelten Fabrik für die Rüben zwei Eimer Rübenkraut (Sirup). solange die Älteren auf der Arbeit waren, war soweit alles in Ordnung, erst wenn die Bude wieder voll war, ging der Stress los. Im Grunde waren alle überfordert mit der Situation, meine Eltern einfache Leute, wollten Gutes tun, doch die Konsequenzen waren allen nicht bewusst. Die befreundete Gastfamilie, meine schwangere Schwester, mein überforderter Vater und mein einfach gestrickter Bruder. Ich mittendrin. In der Schule gescheitert, nur Streiche im Kopf wie jedes normale Kind in meinem Alter. Diese Streiche und eine derbe Begebenheit, die ich vergessen hatte ... Als die befreundete Familie ausgezogen war, war mein Alter im Schlafzimmer auf meine Mutter los und hat sie geschlagen. Da bin ich auf ihn los und habe ihn angesprungen, so dass er zu Fall kam. Das war das Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte. Damit nahm das Schicksal seinen Lauf für den Heinzel.

Im Jahre 1949 nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Krieg war gerade zu Ende und die Köpfe der Familie des Heinzel noch immer wirr vom Krieg. Die Familie zählte damals 6 Personen. Vater Karl August, Bergmann, 12. Kind von dreizehn Kindern, geboren in Schlesien. Des Lesens und Schreibens unkundig. Die Mutter Adelheid war 11. Kind von zwölfen, als Gänsemagd groß geworden. Einfach gestrickt und naiv. Dann kam mein ältester Bruder Willi nach Willi kam Hildegard, nach Hildegard kam Rudi, der vorerst letzte war Heinzel. Bis dann nach einem “Verkehrsunfall” noch mein jüngster Bruder Alfred 8 Jahre später kam, der war wohl nicht mehr geplant. Doch im Jahre 1949 war das Maß voll für Heinzel. Die Familie hatte beschlossen, Heinzel in ein Heim für Schwererziehbare zu verfrachten. Der Auslöser dieser Geschichte war eine Begebenheit mit einer gleichaltrigen Spielgefährtin aus der Nachbarschaft. Wir wurden beide erwischt im Hühnerstall des Nachbarn, beim “Onkel-Doktor”-Spielen. Mein Pech war nur, dass des Mädchens Mutter beim Jugendamt in Duisburg Rheinhausen arbeitete. also war ich der Versaute und ihre Tochter die Verführte. Sie trieb die Planung voran, dass ich ins Heim wanderte. Aus mir würde nichts werden, weil ich ein paar mal die Schule geschwänzt hatte und auch damals aus dem Kindergarten abgehauen war. Für diese Frau war schon klar, dass ich auf die schiefe Bahn geraten würde, mit 7 Jahren. Sie war schon damals mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet. Nach mehrmaligen Besuchen hat sie meine Eltern davon überzeugt, dass es das Beste für mich wäre, ins Heim gesteckt zu werden. Es dauerte auch nur 14 Tage und ich saß mit einer Begleitperson und meinem Persilkoffer, sowie meiner selbst gestrickten kornblumenblauen Strickjacke mit Silberknöpfen, die meine Mutter mir zum Abschied mitgegeben hatte, im Zug von Duisburg nach Zons am Rhein, in ein Durchgangslager. Dort wurden die Kinder ausgesiebt. Einige kamen nach Mayen, Eifel, Fichtenheim, Krefeld, Solingen Danzweiler Hof. Und mich haben sie an den Arsch der Welt verfrachtet, in den Herrmann Josef Stift in Urft. Dieses Heim wurde von den lieben Schwestern des Salvatorianerordens geleitet. Gott möge sie die Qualen, die sie den Kindern bereitet haben, an Leib und Seele noch mal selbst erleben lassen. Was die abgezogen haben, ist kaum wiederzugeben. Mir fehlen heute noch die Worte, mit wie viel Sarkasmus und Menschenverachtung sie die Kinder behandelt haben. Für jedes bisschen Lächeln oder einen Gunstbeweis musstest Du Leistung bringen. Sei es in der Hausarbeit, in der Küche oder in der Feldarbeit. Weil ich schon damals ein stabiles Kerlchen war, hatten die Nonnen mich natürlich auf dem Schirm. Ich war nicht der Intelligenteste und hatte mein Herz immer auf der Zunge getragen, um so leichter war ich abzuhorchen.

Die ersten Tag habe ich nur geheult und nach meiner Familie gerufen. Mir wurde dann immer versichert, dass dies nur eine vorübergehende Situation sei. Aber Scheiße, niemand kam von der Familie, die wussten ja noch nicht einmal wo Urft und die Eifel waren. Meine Briefe blieben unbeantwortet und die Briefe meiner Mutter versickerten, weil meine die Situation schilderten und nicht abgeschickt wurden. Sie wurden einfach unterschlagen. Desto weniger ich von Zuhause hörte, desto verstörter wurde ich und reagierte mit Aggression auf alles und jeden. Da hatte ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Aggressionen kamen von den Nonnen zurück. Ich hab Haue bekommen nach Strich und Faden. Wenn ich Widerworte gab, so nannte sich das damals, musste ich vorstellig werden bei der Oberin des Ordens. Die hatte ein Büro im Schwesternhaus, als ich dort rüber musste war es Hochsommer. Sie saß im abgedunkelten Zimmer hinter ihrem Schreibtisch, die Vorhänge waren zugezogen und auf dem Schreibtisch leuchtete eine runde Tischlampe „Art Deco“. Sie fragte mich, was ich verbrochen hatte, ich antwortete ihr, ich habe Widerworte gegeben an Schwester Barbara, na dann weißt du ja, was dir blüht. Sie holte dann einen schönen Weidenstock aus einem Köcher, der neben ihr stand und ich holte mir damit die Prügel ab. Zehn Schläge auf die linke Hand, zehn auf die rechte Hand und zehn auf den Arsch. Dann bekamst du noch auf den Weg:

Dass Du so was nicht wieder machst, und dann durftest Du mit Liebe im Herzen gehen, bis zum nächsten Mal. Als Du dann auf die Abteilung kamst, haben dich die anderen Kinder auch noch gehänselt, also hast du die Prügel gleich weiter gegeben. Somit war der nächste Termin bei Schwester Oberin schon vorprogrammiert. Weil ich auch immer sehr viel geweint hatte, haben mir die Kinder unter Anleitung einer Nonne einen silbernen achteckigen Tränenpott aus Pappe gebastelt, jedes Mal wenn ich zu weinen anfing, ist irgendein Kind zum Schrank gelaufen, hat den Tränenpott geholt und ihn mir unter die Nase gehalten, die habe ich dann der Reihe nach alle verhauen. Aber der Hammer kam für mich doppelt zurück. Als Strafe bin ich dann unters Dach in eine Kammer mit einer stinkenden Strohmatratze eingesperrt worden. Schieferdach 5. Stock, 55 Grad Hitze im Hochsommer in den Ferien, ohne Wasser, ohne Essen von Morgens bis Abends. Abends kam dann eine Nonne und hat dich gefragt, ob Du dich bessern wolltest, natürlich wolltest Du alles tun, damit Du da raus kommst kurz vor dem Irre werden. Ohne Essen, ohne Waschen haben die Dich dann ins Bett geschickt. Nachts bist Du dann aufgestanden zum Waschbecken und hast wenigstens einwenig Wasser getrunken. Das war nur eine andere Art der Maßregelung. Damit ich nicht irre werde, habe ich mich in der Landwirtschaft nützlich gemacht, wie es damals hieß. Der Herrmann-Josef-Stift in Urft, ein Eifel Idyll, hatte riesige Ländereien. Ein Schweizer, Johann, war für das Vieh und Getier verantwortlich, einen 26-jährigen Knecht haben die Nonnen dann noch eingestellt, mit dem habe ich die Felder mit Mist bestreut. Du konntest den Feldrand nicht sehen, so groß waren die Flächen. Ich war 11 oder 12 Jahre, alle drei Meter war ein klumpiger Misthaufen, der musste verstreut werden. Der Knecht hat sich nur gewundert, dass so ein Knabe wie ich so eine Power hatte, der wollte mich immer abhängen mit schnellerem Arbeiten, aber er hat es nie geschafft. Abends bin ich dann todmüde in mein Bett gefallen, hatte weder Träume noch andere Art von Gefühlen, nur beide Hände übersät mit Blasen. Am schönsten waren die Tage, wenn ich Kühe hüten durfte. Wir hatten im Heim 40 Kühe, die habe ich auf eine Weide geführt und musste auf die Viecher aufpassen und wenn dann um 17 Uhr die Kirchenglocke bimmelte, habe ich sie wieder in den Stall getrieben. Den ganzen Tag war ich mit mir im reinen, hab in der Sonne gelegen und Träume und Pläne geschmiedet. Doch kaum war ich wieder in der Abteilung, wurde ich aus meinen Träumen geholt. Hausarbeit war angesagt. Dann habe ich mich auch noch als Messdiener gemeldet um eine gute Figur zu machen bei den Nonnen. Hat alles nichts genutzt. Die Nonnen haben mir erzählt, wenn Du die geweihten Hostien isst, ohne zu beichten, dann kommst du in die Hölle, ich hatte mir damals gedacht, schlimmer als hier im heim kann es in der Hölle auch nicht sein. Also habe ich mir eine Handvoll geweihter Hostien in den Mund gesteckt und habe gewartet, dass der Weg sofort in die Hölle führt und zwar direkt nach der Einnahme. Oh, Trugschluss, das einzige, was mir passiert ist, ich wäre fast an den Oblaten erstrickt, weil die so geklebt haben. In dem Moment, wo ich den Messwein aus dem Schrank geholt hatte um die Dinger runterzuspülen, kam eine Nonne um die Ecke, sie hatte auch noch den bezeichnenden Namen Schleicher, weil in der Kapelle Marmorfußboden lag und sie Filzpantoffeln trug, habe ich sie nicht bemerkt, bis ich fürchterlich einpaar geklatscht bekam, die Hostien und die Flasche Wein fielen mir so aus dem Gesicht. Ende mit Messdiener. Stubenarrest, Strümpfe stopfen während die anderen Kinder Ski und Schlitten fahren durften. Ich wurde immer verzweifelter, ich wusste nicht mehr wie ich den Nonnen gefallen konnte. In meiner Verzweiflung habe ich einen Brief an den Teufel geschrieben. Lieber Teufel, Du bekommst meine Seele wenn Du mich aus diesem Heim holst. Diesen Zettel habe ich auf unserem Schulhof unbemerkt von anderen Kindern unter einen riesigen Findling gewuchtet. Nach einer Woche habe ich den Stein hoch gehoben, oh Scheiße, der Zettel lag immer noch darunter.
Also habe ich mir was Neues einfallen lassen. Wenn der Teufel schon nicht so eine Macht hat, habe ich mir gedacht, dann der Schutzpatron Herrmann Josef unseres Heimes. Somit habe ich einen neuen Brief geschrieben. Lieber Herrmann Josef Du bekommst meine Seele, wenn Du mich aus dem Heim holst. Diesen Brief habe ich in unserer Kapelle unter die Statue von 2 Zentnern gewuchtet, es war die Statue von Herrmann Josef. Nach einer Woche habe ich mich in die Kapelle geschlichen und unter die Staute geschaut und der Zettel war weg. Ich denke mal, die Nonnen werden ihn beim Saubermachen gefunden haben, es hat sich trotzdem nichts geändert. Alle steckten so oder so unter einer Decke, Nonnen sowie der Pastor A., 196 Meter groß, 3 Zentner schwer und stockschwul. Bei der Beichte musstest du alleine in sein Zimmer kommen, um bei ihm zu beichten. Na, mein Junge – Er war immer der joviale, väterliche Freund – komm, setz dich mal auf meinen Schoß. So erzähl doch mal wie Du gesündigt hast. Dann hast du ihm erzählt wie oft du Widerworte den Nonnen gegenüber gegeben hast, wie oft du gelogen hast und zum Schluss wie oft du onaniert hast. Während du auf seinem Schoß gesessen hast mit kurzer Lederhose spielte er dir am Geschlechtsteil und am Hintern rum. Keiner wusste von den Kindern damals, dass Pater A. ein Päderast war. Danach gab’s die Absolution und ein Bonbon. Bis Pater Amadeus dann doch versetzt wurde, irgend jemand ist ihm doch wohl auf die Schliche gekommen. Aber deswegen hörte das Martyrium noch lange nicht auf, es wurde noch schlimmer.
Fortsetzung folgt.

 

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