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Schläge im Namen des Herrn Das verdrängte Schicksal der Heimkinder in der Bundesrepublik
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Anhörung im Bundestag wurde fortgesetzt!
Am 21. Mai 2007 mussten ehemalige Betreiber von Erziehungsheimen im Bundestag vor den Obleuten des Petitionsausschusses mehrere Stunden Rede und Antwort stehen und Auskunft geben über die Erziehungspraxis in kirchlichen und staatlichen Heimen in den 50er und 60er Jahren. Geladen waren unter anderem Vertreter der Diakonie und der Caritas. Zur Sprache kam auch die Kritik an der Praxis in diesen Heimen, wie sie im Buch “Schläge im Namen des Herrn” beschrieben ist und wie sie auch von ehemaligen Heimkindern in der ersten Anhörung des Petitionsausschusses bereits im Dezember 2006 vorgetragen wurde. Nach der Sitzung war von Beteiligten zu hören, dass die Vorwürfe keineswegs abgewehrt worden wären, sondern dass “man nun ernsthaft an die Aufarbeitung gemeinsam mit den Heimkindern herangehen will” und weitere praktische Schritte erfolgen sollen.
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Berichte ehemaliger Heimkinder, die auf der Anhörung am 11.Dezember 2006 vorgetragen wurden:
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Foto links: ein “Besinnungszimmer” im “Mädchenheim Fuldatal”, bei Kassel. Hier wurden bis 1970 junge Mädchen ab 14 Jahren eingesperrt, die in der Obhut hessischer Jugendämter waren. Gebäude, Räume sogar Mobiliar sind noch so erhalten, wie sie damals verlassen wurden. Unter anderem fordern hessische Grüne, dass dort eine Dauerausstellung, ein Museum der Erziehung zu Zucht und Ordnung aufgebaut wird. Auch in der ehemaligen “Diakonie Freistatt” gibt es ein ähnlich erhalten gebliebenes Gebäude.
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Dietmar Krone
Sehr geehrte Damen und Herren! Mein Name ist Dietmar Krone, ich wurde 1954 in Remscheid geboren.
Von März 1968 bis August 1973, stand ich unter Aufsicht der staatlichen Fürsorge. Es war Fürsorgeerziehung angeordnet. Einweisungsgrund: Sittliche Verwahrlosung. Die Sittliche Verwahrlosung begründete man damit, dass ich Schulter lange Haare trug, die sogenannte Negermusik hörte, und in der Schule Lernschwierigkeiten hatte. In der Schule fehlte ich öfters, da ich auf Grund körperlicher Misshandlungen öfters im Krankenhaus war. Mutter war alleinprügelnd, da meine Vater früh verstarb. In einer überfallartigen Aktion, wurde ich im März 1968 von Polizisten festgenommen, und in ein Polizeipräsidium verbracht. Nach 5 Tagen Einzelhaft, teilte mir ein Jugendrichter folgenden Wortlaut mit. Im Namen des Volkes ergeht folgender Beschluss. “Der minderjährige Dietmar Krone geb. am 10.05.1954, wird auf Grund sittlicher Verwahrlosung, bis zur Vollendung seines 21. Lebensjahres, in eine geschlossene Erziehungsanstalt eingewiesen. Es ist Fürsorgeerziehung angeordnet.” Zuvor wurde ich in eine Geschlossene Nervenklinik eingeliefert, wo man mich mit Elektoschocks, Gehirnwasserpunktion, straffer Fixierung an das Bett, so wie der Verabreichung enormer Mengen Psychopharmaka, quälte. Man wollte mich offenbar mit diesen Mitteln wieder in die Bahnen von Recht und Ordnung lenken. Nachdem ich dort 6 Monate festgehalten wurde, überführte man mich direkt in das Erziehungsheim nach Süchteln. Dort angekommen, wurde ich der Gruppe von meinem zukünftigen Gruppenleiter, als geisteskranker vorgestellt. In einem Kellerraum, musste ich mich vor anderen völlig entkleiden. Mein Kopfhaar, wurde mir brutal entfernt. Ich wurde mit einem Wasserschlauch abgespritzt, und dann mit einem Desinfektionspulver überworfen. Vor allen Gruppenmitgliedern, mußte ich mir meine Schambehaarung entfernen.Nachdem mir die Heimordnung ausgehändigt wurde, bekam ich einen blauen Arbeitsanzug verpasst. Meine Schuhe bestanden aus ein paar glatten Holzbrettern mit Riemen, um ein Entweichen zu verhindern. Dann wurde mir sofort ein Arbeitsplatz zugewiesen. Die ersten drei Monate, habe ich im freien alte schmiedeeiserne Zäune und Gitter, mit einer Drahtbürste vom Rost befreien müssen. Es gab weder Handschuhe noch sonstige Schutzvorrichtungen, um die Lunge zu schützen. Dann habe ich viele Monate Elektroteile für die Industrie montiert. Im Sommer mußte ich bei den Bauern auf den Feldern sehr hart arbeiten. Von 7.30 Uhr 18. Uhr Kartoffeln auflesen, oder Obst und Gemüse ernten. Der Heimträger bekam von den Bauern 3 DM pro Kind und Stunde, Wir Kinder wurden mit 4 Pfennig pro Stunde entlohnt. Bereits bei den kleinsten Verstößen gegen die Heimordnung, wie z.B. mit jemandem bei der Arbeit zu sprechen, folgten harte Strafen. Boxhiebe, Tritte, Ohrfeigen, das verdrehen und hochziehen an den Ohren, Anne rumdrehen, so wie stunden oder tagelanges einsperren, bei völliger Dunkelheit in die Besinnungszelle bei Wasser, und trockenem Brot. Unser Gruppenleiter, brachte auch öfters seinen Stolz darüber zum Ausdruck, dass er bei der Hitlerjugend war. Bei Adolf, hätte man uns alle durch den Schornstein gejagt, wie andere. Was er genau sagte, möchte ich jetzt hier nicht wiederholen müssen. Da hätte Zucht und Ordnung geherrscht. Die körperliche Züchtigung durch die Erzieher ging so weit, dass ich heute noch 5 Narben vorzeigen kann, die durch körperliche Misshandlungen im Heim entstanden sind. Mein linkes Schultergelenk wurde zertreten, weil mir 2 Teller aus der Hand fielen, und zerbrachen. Meine Schulter hatte sofort operativ behandelt werden müssen. Es gab im Heim keinen Arzt, statt dessen sperrte man mich 3 Tage und Nächte in die Dunkelzelle, wo ich auf Grund von Knochenbrüchen, Muskel und Sehnenabrissen an den Knochen, höllischste Schmerzen aushalten musste. Ich schrie vor Schmerzen, aber niemand brachte mir schmerzstillende Medikamente. Trotz starker Schmerzen, musste ich am vierten Tag wieder arbeiten. Das Gelenk ist schief zusammengewachsen. Seit dem, bin ich linksseitig behindert. Schulunterricht gab es im Heim nicht. Ich habe nicht einmal einen Volksschulabschluss. Mein letztes Zeugnis, belegt den Besuch der dritten Klasse. Das hat mir im weiteren Leben viel Unannehmlichkeiten bereitet. Die nicht eingezahlten Beiträge, fehlen mir heute an meiner Rente. Ich bin ausgebeutet, und misshandelt worden. Ich bin zum Krüppel getreten worden, und wurde sexuell mehrfach missbraucht. Mir wurden heimlich Medikamente in das Essen gemischt, wie z.B. Valium, Librium und Hengolin, etc. Nachdem ich von einem Erzieher so zugerichtet wurde, dass ich durch einen Schock tagelang nicht ansprechbar war, steckte man mich in die geschlossene Psychiatrie. Dort sollte ich die Welt des Schreckens kennen lernen. Auf Grund meiner schlechten Verfassung, verbrachte ich dort 18 Monate. Nur durch die Initiative eines Arztes, eines Krankenpflegers und eines Anwalts, wurde die Rückführung in das Heim verhindert. Erst im September 1973, konnte ich die Anstalt als freier Mensch verlassen, und in das damalige Westberlin reisen. In Berlin, hatte ich enorme Schwierigkeiten einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, da ich nicht einmal einen Volksschulabschluss nachweisen konnte, und aus einem Erziehungsheim kam. Ich habe nur Arbeit bekommen, die andere nicht machen wollten. Die psychischen, und seelischen Schäden, die mir im Heim zugefügt wurden, sind nicht reparabel. Bis zum heutigen Tag, bin ich immer noch in psychotherapeutischer Behandlung. Ein Gutachten belegt, dass eine Heilung der vielen Traumen ausgeschlossen ist. Eine Heilung der zertretenen Schulter, ist unmöglich. Als völlig gesunder Mensch, kam ich ins Heim. Als ich dieser Hölle wieder entkam, war ich schwerbehindert. Die Grundlage für ein normales Leben, wurde mir durch den Heimaufenthalt auf Lebenszeit zerstört. Ich bin seit vielen Jahren berentet, und habe einen Schwerbehindertengrad von 70 %.
Im Erziehungsheim Man schob mich ab ins Erziehungsheim, 6 Jahre, stand auf dem Schein. Auf Staatskosten würde ich hier leben dafür könnte ich auch arbeiten, und mich auch regen. Den ganzen Tag, von früh bis spät für 4 Pfennig die Stunde, so wie es hier steht. Prügel gab es fast jeden Tag, so viel, und oft, wie der Erzieher mag. Du bist kein Mensch, du bist nichts wert, du bist nur Dreck, drum nahm man dich, aus der Gesellschaft weg. Das du hier bist, hat schon seinen Grund, jetzt geh an die Arbeit, und halt deinen Mund. Wie ein Tier, sperrten sie mich ein, dabei wollt ich doch frei -und geborgen sein. Nun war ich hier, allein, verlassen, alle schienen mich zu hassen, niemand hat sich sehen lassen. Zu Weihnachten, kam keine Post, und kein Paket, jeder aus dem Weg mir geht. Für jede Kleinigkeit, egal was immer, sofort in das Besinnungszimmer. Und die Seele schreit vor Not, nur Wasser gab´s, und trocken Brot. Dort war es dunkel, still und kalt, kein freundlich Wort im Heime schallt. Und jeden Tag, erneut und wieder, du bist kein Mensch, du bist zuwider. Du landest wieder in den Gassen dich wird man nie in Ruhe lassen, du landest ganz bestimmt im Knast, weil du keinen Charakter hast. Aus dir wird nie was, du bist nur Dreck, drum bist du hier, sperrt man dich weg. Und die Moral von der Geschieht, ich hab´s erlebt, ist kein GEDICHT.
Dietmar Krone
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Eleonore Fleth
Sehr geehrte Damen und Herren des Bundestages, Mein Name ist Eleonore Fleth, ich bin 57 Jahre alt, habe 4 Kinder und lebe mit meinem Mann in Elmshorn, in der Nähe von Hamburg.
Von 1963-1965 lebte meine Mutter mit drei Kindern getrennt von unserem Vater in Merklinghausen bei Attendorn im Kreis Olpe. Mein Vater zahlte unregelmäßig Unterhalt und meine Mutter reichte die Scheidung ein. Aus einem mir nicht bekannten Grund bestand schon aus der Vergangenheit Kontakt zum Jugendamt. Weshalb, ich weiß es nicht. Es geht aus meiner Akte auch nicht hervor. Es gab auch den „ bösen „ Nachbarn, dem es nicht gefiel wie wir lebten. Vorweg, meine Eltern ließen sich erst nach 27 Ehejahren scheiden. Meine Geschichte und Erfahrungen mit der Heimunterbringung in den 60er Jahren, von der ich Ihnen gleich berichten werde, erzähle ich auch im Namen meiner inzwischen verstorbenen Schwester Heidi, die das gleiche Schicksal erleiden musste wie ich. Vorweg sei auch noch erwähnt, dass dies natürlich nur ein Bruchteil dessen ist, was ich in dieser Zeit im Heim erlebt habe. Meine Schwester war gerade 14 Jahre alt und ich 15. Am 19. Februar 1965 wurden wir in die Bodelschwingsche Anstalten Bethel in das evangelische Mädchen und Frauenheim Ummeln gebracht, dass der Fürsorgeerziehung des Landschaftsverbandes Westfalen –Lippe unterstellt war, bis zum 06.03.1969, also mehr als 4 Jahre wurden wir in dem Heim, das ein geschlossenes Haus für schwer erziehbare Mädchen war, festgehalten. Unterbringungsgründe waren z.B. Straffälligkeit, nicht zu arbeiten, usw. Doch meine Schwester und ich waren nie straffällig, noch haben wir sonst irgend etwas getan, was eine Unterbringung hätte rechtfertigen können. Für uns war es völlig unverständlich was hier geschah: Erst heute weiß ich, dass §64 des Jugendwohlfahrtgesetz angewandt wurde. Dieser Besagt, dass er erst zur Anwendung kommen darf, wenn vorher alle anderen Möglichkeiten von Seiten des Jugendamtes ohne Erfolg blieben. In unserem Haus habe ich nie eine Fürsorgerin gesehen oder gesprochen, auch gab es keine richterliche Anhörung.
Im Folgenden werde ich Ihnen in sehr kurzen Auszügen erzählen wie es in dem Heim zuging.
Die Bedingungen, die ich dort vorfand, sind unvorstellbar:
Nach der Aufnahme wurden mir, ohne das ein Arzt mich untersucht hat, Beruhigungsmittel verabreicht. Dies ist aktenkundig und somit belegbar. Untergebracht war ich, wie alle anderen auch, in einer Einzelzelle mit gekalkten Wänden. Dort befand sich ein Bett, ein Stuhl, eine Blechschüssel zum Waschen und als Toilette diente ein Kindernachttopf. Die Fenster waren verschlossen und es gab nur eine kleine Lüftungsmöglichkeit von 20 x 10 cm. Die Zellentür hatte von innen keine Klinke und es gab auch keine Klingel für den Notfall.
Täglich musste ich 12 Stunden in der Großküche arbeiten, sieben Tage die Woche. Später arbeitete ich in der Großwäscherei, in der die Wäsche von Kunden geliefert wurde. Einmal in der Woche musste ich in einem Privathaushalt im Dorf Ummeln arbeiten. Vor jeder Mahlzeit mussten wir beten und sonntags zur Kirche gehen.
Post wurde zensiert. Einmal im Monat durfte ich einen Brief nach Hause schreiben, dieser Verließ das Haus, wenn überhaupt nur nach Zensur. Es gab keinen Ausgang, kein Taschengeld oder etwa neue Kleidung.
Für versuchtes Ausbrechen, Regelverstöße oder Taten die den Diakonissen missfielen, wurde man in eine so genannte „Klausur“ gesperrt, zur Besinnung, für mindestens drei Tage: Kein Fenster durch das man schauen konnte, am Tag nur auf dem Stuhl sitzen. Schalldichte Wände und Türen. Es war grausam.
In der gesamten Zeit des Heimaufenthalts hatten wir nur einmal Besuch von unserer Mutter.
Während der Heimzeit Ich habe keine Schule oder Berufsschule besuchen können, jegliche Bildung wurde mir verwehrt. Ohne irgendeine Vorbereitung auf ein selbständiges Leben wurde ich nach einem Arbeitsurlaub und mehr als vier Jahren im Alter von 19 nach Hause zu meinen Eltern entlassen.
Diese qualvolle Zeit der Einsperrung, die grauenhaften Bedingungen der Unterbringung und die menschenunwürdige Behandlung haben mein weiteres Leben sehr stark geprägt. Meine Familie ist daran zerbrochen. Meine jüngste Schwester hat eine starke Persönlichkeitsstörung und drei missglückte Suizidversuche hinter sich.
Folgen dieser beschriebenen traumatischen Ereignisse sind schwere physische und psychische Auswirkungen. Seit dreißig Jahren leide ich an massiven Schlafstörungen und an Fibromyalgie, ich habe qualvolle Schmerzen im ganzen Körper. Die Schmerzen waren oft so stark, dass ich meinen Alltag kaum bewältigen kann. Außerdem habe ich seit 30 Jahren Herzrhythmusstörungen und muss bei starken Anfällen Beta – Blocker einnehmen.
Ich leide an Ängsten, vor allem wenn es Dunkel wird. In geschlossenen Räumen gerate ich in Panik. Körperliche Nähe kann ich nur schwer ertragen. Ständig laufe ich mit dem Gedanken umher für alles Verantwortlich zu sein.
Versagensängste und das Gefühl ständig allen etwas beweisen zu müssen, bloß keine Fehler zu machen und über das Maß hinaus zu arbeiten begleiten mich seit der Unterbringung im Heim.. Eine Therapie brachte keinen Erfolg.
Trotz alledem bin ich nicht an dieser Zeit zerbrochen. Mein fester Wille hat mir die Kraft gegeben diese schlimme Zeit zu überstehen und es mir ermöglicht eine tolle Familie zu haben, meinen vier Kindern eine gute Schul- und Berufausbildung mit ins Leben zu geben und drei abgeschlossene Berufe zu haben. Nicht zuletzt deshalb arbeite ich wahrscheinlich im sozialen Bereich und leite seit vielen Jahren eine Wohnunterkunft für Obdachlose und Zuwanderer und zurzeit das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg, um diesen Menschen Verständnis entgegenzubringen und sie ein wenig unterstützen zu können.
Ich fordere für die qualvollen Jahre der Heimunterbringung:
1. eine Entschädigung wegen Freiheitsberaubung und Menschenrechtsverletzung
2. Wiedergutmachung,
3. die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen,
4. Lohn und Gehaltnachzahlung für die Zeit im Heim,
5. eine Rehabilitation sowie
6. eine Bestrafung der Personen, die damals diesen Beschluss gefasst haben.
Erst wenn Sie mir diese Forderungen erfüllen, habe ich überhaupt eine Chance meinen Frieden zu finden, um mit diesen schrecklichen Erlebnissen abschließen zu können.
Vielen Dank.
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Wolfgang Rosenkötter
Meine Damen und meine Herren,
Sie haben in den letzten Minuten Berichte gehört, die sich in den 50er und 60er Jahren abgespielt haben, in einer Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland Wirtschaftswunderland war, in einer Zeit, in der viel von Aufbau, von Entwicklung in die Zukunft, von Familiensinn und anderen Dingen gesprochen wurde, in der Werte etwas galten und in der man stolz auf seine deutsche Identität war.
Auch in meiner Familie sprach man von diesen Werten, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon keine Familie im herkömmlichen Sinne für mich gab. Meine Eltern trennten sich, als ich 5 Jahre alt war. Meine Mutter war von diesem Zeitpunkt an damit beschäftigt, weit weg in Bayern mit einem anderen Mann ihr Leben zu genießen. Mein Vater, Rechtsanwalt und Notar, musste die Restfamilie ( seine Mutter, also meine Großmutter und mich) ernähren und war mit meiner Erziehung total überfordert. Diese Erziehungsfunktion übernahm meine Großmutter, die aber zu diesem Zeitpunkt schon 70 Jahre alt und ebenfalls total überfordert war. Fazit: Als ich schließlich nach ständigem Schulwechsel mit Mühe und Not den Hauptschulabschluß geschafft hatte und in die Pubertät kam, wurde ich „lästig“. Ich schwänzte eine angefangene kaufmännische Lehre, trieb mich mit Gleichaltrigen herum und revoltierte gegen das Torsoelternhaus. Mein Vater wusste mit mir nichts weiter anzufangen und ließ sich vom Jugendamt dazu überreden, mich in „Freiwillige Erziehungshilfe“ zu geben.
Dass bedeutete, Vater stimmte einer Heimunterbringung zu.
Zunächst einmal kam ich in das Heim „Heidequell“ des Johanniswerkes Bielefeld. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich eingesperrt und das schlimmste daran war, dass ich nicht einmal wusste warum. Also lief ich von dort weg zurück nach Hause. Aber mein Vater brachte mich zurück mit der Begründung, es wäre für mein weiteres Leben besser, wenn ich etwas „Zucht und Ordnung“ lernen würde. Außerdem seien dort im Heim alle sehr nett und auf mein Wohlergehen bedacht. Das merkte ich nachdem mein Vater fort war. Essensentzug und Freizeitverbot war die Folge der „Fürsorge“. Ich lief kurze Zeit später wieder weg nach Hause, wurde wiedergebracht, die Strafen verschärften sich und das ging mehrere Male so. Mir wollte nicht in den Sinn, dass mein Vater und meine Großmutter mich nicht haben wollten. Schließlich wurde die „Fürsorge“ verstärkt und mit Einwilligung meines Vaters kam ich in das Heim „Eckardsheim“, ein geschlossenes Heim der Bethelschen Anstalten, in dem man im Straßenbau arbeiten musste und drakonische Strafen (Prügel, Essensentzug, Schlafentzug etc) an der Tagesordnung waren. Für mich war noch unverständlicher, warum ich jetzt in ein solches Heim musste. Also lief ich wieder von dort weg nach Hause, wurde zurückgebracht und erfuhr entsprechende „Fürsorge“. Auch hier geschah das mehrmals, bis mit Einverständnis meines Vaters entschieden wurde, dass ich jetzt in ein Heim müsse, aus dem ich nicht mehr weglaufen könne und das mir arbeiten beibringen solle. Ich kam nach Freistatt im Teufelsmoor, einer weiteren Einrichtung der Bethelschen Anstalten, der in den anderen Heimen immer wieder angedrohten „Endstation“. Wenn ich geglaubt hatte, viel schlimmer als in Eckardtsheim könne es dort nicht sein, hatte ich mich sehr getäuscht. Es folgte ein Jahr unsäglicher körperlicher und seelischer Qualen, Erniedrigungen, Schläge und Folterungen. Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst Aufstand. – Kurze Schilderung eines Tagesablaufes –
Trotz der Abgeschiedenheit gelang es mir nach drei Monaten von dort mit blutigen Füßen und wund geschlagenem Rücken nach Hause zu fliehen. Mein Vater und das Jugendamt glaubten meine Schilderungen nicht, es war doch eine christliche Anstalt, dort kam so etwas nicht vor. Also wurde ich zurück gebracht, mit verheerenden Folgen für mich selber und meine Kameraden. (Schilderung)
Nach knapp drei Jahren ständiger Angst vor christlicher „Fürsorge“ in christlichen Heimen, nach drei Jahren verlorener Kindheit, nach drei Jahren christlichen Arbeitslagers ohne Lohn und Perspektive wurde ich 1964 nach Hause entlassen, weil mein Vater nun glaubte, ich hätte jetzt das nötige Rüstzeug für das Leben und könne nun wieder zu Hause sein.
Als ich aus dem Heim entlassen wurde, war ich körperlich und seelisch ein Wrack. Ich war verängstigt, unselbständig und konnte niemandem in die Augen schauen.
Zu Hause blieb ich nur noch Monate. Ich nahm mein Leben in die eigenen Hände und absolvierte ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ in Hamburg und danach eine Krankenpflegeausbildung. Nach 15 Jahren Krankenhaus hatte ich das Bedürfnis, mehr aus meinem Leben zu machen. Über den 2. Bildungsweg machte ich Abitur nach und studierte anschließend Sozialwissenschaften und Psychologie. 10 Jahre arbeitete ich nach Abschluß des Studiums als Gesundheitswissenschaftler bei der AOK, machte mich anschließend im Gesundheits- und Bildungsbereich selbständig, beriet Firmen und Weiterbildungsinstitutionen und trainierte Führungskräfte in Kommunikation, Personalmanagement und Verkaufspsychologie. Meine Kunden waren Firmen wie Kraft, VW, Bertelsmann, Siemens, SAP und andere.
Persönliche Schicksalsschläge veränderten vor einigen Jahren mein Leben, Scheidung und Schulden machten aus mir einen Hartz IV Empfänger.
Mein ganzes Leben lang hat mich die Angst aus Freistatt begleitet, Fluchtverhalten in bestimmten Situationen, Aggressionen gegen mich selber und Andere waren die Folge. Daraus resultierend auch oft Ortswechsel und innere Unruhe. Tiefergehende persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, lernte ich erst sehr spät in meinem Leben.
Die Zeit im Heim habe ich 40 Jahre verdrängt, erst durch das Buch von Peter Wensierski wurde diese Zeit wieder schmerzhaft bewusst und plötzlich waren alle diese schrecklichen Erlebnisse wieder präsent. Eine Einladung der Diakonie Freistatt, sich der Vergangenheit zu stellen und diese Heimstätte heute zu besuchen, nahm ich an, einmal weil ich endlich innere Ruhe erreichen wollte, aber auch, weil mich die sozialwissenschaftliche Seite interessierte.
Warum hat es 40 Jahre gedauert, bis dieses Kapitel in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt hat? Warum haben die Opfer 40 Jahre geschwiegen? Wie konnten solche menschenverachtenden Geschehnisse in christlichen Institutionen vorkommen? Warum fällt es den Entscheidungsträgern aus Politik und Kirche heute so schwer, dieses geschehene Unrecht an Tausenden von ehemaligen Heimkindern zuzugeben und die Opfer für diese Zeit zu entschädigen?
Viele meiner Leidensgenossen aus dieser Zeit wurden in den Heimen wesentlich schwerer traumatisiert und geschädigt als ich. Ihnen und mir kann diese verlorene Jugendzeit nicht wiedergegeben werden. Aber ich stehe heute hier vor Ihnen, weil ich meinen wissenschaftlichen Sachverstand und meine persönliche Betroffenheit dazu nutzen möchte, dass die Opfer dieser Zeit das Unrecht anerkannt bekommen und Entschädigung erhalten und
dass so etwas wie in den 50er und 60er Jahren in Heimen nie wieder passiert. Ich steuere mein Teil dazu bei, indem ich mich im Verein ehemaliger Heimkinder engagiere, indem ich in Freistatt mit Unterstützung der heutigen Leitung dort ein Dokumentationszentrum aufbaue und indem ich helfe in den heutigen Kinder- und Jugendheimen Möglichkeiten der Selbstbeteiligung von Jugendlichen wie etwa Jugendparlamente einzurichten.
Und Sie, meine Damen und Herren Politiker möchte ich bitten, sich ebenfalls dafür einzusetzen, dass die Opfer von damals Wiedergutmachung erlangen, damit sie ihren Lebensabend in Ruhe und Würde erleben können. In anderen Ländern Europas ist diese Wiedergutmachung erfolgt, in Deutschland warten die Opfer von damals auf ein Zeichen von Ihnen.
Danke dass Sie mir zugehört haben.
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M. E.
Zuerst möchte ich Ihnen sagen, dass der Vortrag etwas ausführlicher ist und dass der Heimaufenthalt nicht nur für mich sondern auch für meine im Vincenzheim geborene Tochter Auswirkungen auf unser ganzes Leben hatte, was unweigerlich zusammenhängt.
Mein Name ist M. E. Ich wurde 1943 in H. geboren und war das 6. Kind einer streng katholischen Familie. Meine Mutter starb 1949. Im gleichen Jahr heiratete mein Vater eine Frau, die uns eine gute Mutter war. Aus diese Ehe gingen noch zwei Kinder hervor. Mein Vater war selbstständiger aus Schlachter und später Metzger bei der Bundeswehr. Wie auch zwei Schwestern kam ich mit 14 Jahren in Stellung um die Hauswirtschaft zum erlernen. Ich hatte von Kindheit an eine empfindliche Haut, starken Juckreiz durch Putzmittel. Nach eineinhalb Jahren brach ich die Ausbildung ab und ging wieder nach Hause. Kurz nach meinem 16. Geburtstag verliebte ich mich in einen 24-jährigen kanadischen Soldaten. Ich war sexuell unerfahren. Ende November 1959 bemerkte ich, dass ich schwanger war. Als mein Vater davon erfuhr, schlug er wie von Sinnen auf mich ein und benachrichtigte das Jugendamt. Noch am gleichen Tag wurde ich in ein Haus für obdachlose Frauen und Mädchen nach dieser Lohn gebracht. Heiraten durfte ich nicht. Am 1. März 1960 wurde ich von einem Polizeibeamten und einer Fürsorgerin in ein evangelisches Entbindungsheim nach Soest gebracht. Von da aus dann Anfang April 1969 ins Vincenz-Heim in Dortmund. Ich bekam die obligatorische Heim- Kleidung. Blaukariertes Kleid mit Puffärmeln. Darüber ein Schürze aus gleichem Stoff. Ich kann in die Aufnahme Stationen. Zu Schwester Alexa und Nivella. Da saß ich nun stundenlang in einer Gruppe von etwa 20 Mädchen und häkelte weiße Batisttaschentücher. Die Nonne saß dabei, passte auf und betete ihren Rosenkranz. Die einzige Abwechslung war, fromme Lieder zu singen, ab und zu im Keller des Morgens stundenlang Kartoffeln schälen. Und Sonntag nachmittags Hofgang in Reih und Glied. Alle paar Wochen kam ein alter Frauenarzt. Er untersuchte uns im Beisein der Schwester. Als ich im achten Monat war, wurde ich ins Krankenhaus zur Untersuchung gebracht. Es war eine Steißlage. Von da an drängte mich die Schwester immer mehr, zur Beichte zu gehen. Ich hatte mich vorher schon geweigert. Deshalb kam ich für einen Tag in die Klabause. Es war eine kleine Zelle mit einer Holzpritsche. Für die Notdurft einen Blecheimer. Eines Samstag morgens bekam ich einen Zettel und Bleistift, und ich wurde im Schlafsaal eingesperrt. Dort sollte ich meine Sünden aufschreiben. Des Nachmittags dann in Reih und Glied in die Appelle zum Beichten. Als ich an der Reihe war, kniete ich nieder und las vor: „Ich habe Unschamhaftes getan“. Der Priester fragte in welcher Stellung. Da ich nicht wusste was das war fragte ich: „Was ist das?“ Mit den schmutzigsten Ausdrücken erklärte er mir dann, was eine Stellung ist. Einzelheiten möchte ich mir und Ihnen ersparen.. Als ist mir zu viel wurde, lief ich weinend aus dem Beichtstuhl auf dem Flur. Schwester Alexa kam hinter mir her. Sie legten den Arm um meine Schulter und sagte: „Wenn Dir bei der Geburt was passiert, kannst du ohne Sünden vor den Herrn treten“. Ich konnte ihr doch nicht sagen was passiert ist, sie hätte mir nicht geglaubt . In einem 1976/77 umgeschrieben Lied heißt es: " Pater Fürbaß kommt viermal im Jahr und ist dann für die Beichte da. Der Pfaffe ist ein geiler Bock und schaut den Mädchen unteren Rock.
Am 2. August waren wir des Morgens in der Kapelle. Während der Wandlung war knieen Pflicht. Ich hatte plötzlich einen starken Schmerz im Unterleib und setzte mich hin. Sofort hatte ich Schwester Vincentines spitzen Finger im Rücken und sie sagte: „Hinknieen!“. Etwa 10 Minuten später war der Schmerz wieder war. Ich stand auf und ging aus der Kapelle. Schwester Vincentine kam hinterher und beschimpfte mich. Sie sagte, ich solle auf dem Flur hin und her gehen und ging wieder. Nach einiger Zeit kam der Schmerz wieder. Mir lief Flüssigkeit die Beine runter und der Fußboden war nass. Ich hielt vor Schmerz meinen Bauch und suchte eine Toilette. Aber alle Türen waren verschlossen. Etwas später kamen alle aus der Kapelle raus. Ein Mädchen musste mir einen Eimer mit Wasser, Aufnehmer und Schubber holen, und ich musste alles sauber machen. Etwa um 11 Uhr wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Die letzten Minuten vor der Geburt war ich bewusstlos. Sie haben das mir das Kind an den Beinen aus den Körpern gerissen. Um 13:05 Uhr wurde meine Tochter geboren.
Ich nannte sie M., nach meiner verstorbenen Mutter. Im Krankenhaus konnte ich stillen. Nach 10 Tagen wurde ich vom Heim wieder abgeholt. Noch am gleichen Tag wurden wir mit zusammengerollten Windeln die Brüste hoch gebunden und ich musste im Bügel-Saal arbeiten. Des Sonntags durfte ich meine Tochter für eine Stunde sehen. In dem vorhin zitierten Text heißt es dazu: “Und hat ´ne Frau ein Kind bekommen, dann wird es ihr gleich weggenommen, die Kinder werden isoliert, dreimal zum wickeln vorgeführt.”
Bald wurde ich in eine andere Gruppe verlegt. Ich war in sechs verschiedenen Gruppen. Meine Arbeitseinsätze waren im Bügel-Saal, in der Näh-Stube, im Keller Kartoffeln schälen. Täglich der gleiche Trott. In zweier Reihen zur Kapelle, zur Arbeit, einmal wöchentlich Hofgang. Wo uns hohe Mauern daran hindern sollten, auszureissen. Des Samstags baden 10 min. Hygiene war Mangelware. Intimpflege war nicht möglich. Dementsprechend rochen wir auch. Wenn wir unsere Regel hatten, bekamen wir drei Mal täglich gestrickte Baumwollbinden, wo noch Spuren von den Spuren von der Vorbenutzerin dran waren. Wenn ich meine Hände und Arme wegen ständigem Juckreiz blutig gekratzt hatte, bekam ich Teersalbe und im Streifen gerissene alte Bettlaken. Wir mussten täglich bis zu 10 Stunden arbeiten. Samstags bis Mittags. Es gab eine Notensystem. Arbeits-, Fleiß-, Höflichkeits- und Sauberkeitsnoten. Für jede Note 5 Pfennig pro Tag. Bei den geringsten Verfehlungen wurde das gestrichen. Jede Nonne hatte ständig ein Notizbuch bei sich. Da wurde jede Verfehlung notiert. Oft wurden mir die Besuche bei meiner Tochter gestrichen, weil ich Widerworte gegeben hatte oder das Redeverbot missachtete. Den Teller leer essen war Pflicht. Wir mussten so lange sitzen bleiben bis der Teller leer war. Das Essen war oft mit dicken fetten Schweineschwarten gekocht. Auch wenn die Mädchen schon auf dem Teller ungebrochen hatten, der Teller musste leer gegessen werden Alle paar Wochen wurde in der unteren Etage einen Stand aufgebaut, an dem wir uns Seife, Shampoo, Süßigkeiten, Niveacreme oder eine Haarbürste kaufen konnten. Durch das strenge Notensystem war es mir oft nicht möglich, Shampoo und Zu kaufen. Dann musste ich und auch die anderen Mädchen uns die mit Kernseife oder Schmierseife waschen. Mehrmals haben Mädchen versucht, sich das Leben zu nehmen, oder haben versucht auszureißen. Danach haben wir sie nicht wieder gesehen. Wahrscheinlich haben wir auch Medikamente bekommen. Wenn der Kaffee des Mordens komisch schmeckte und schaumig war, sagten wir: „Jetzt haben wir wieder Hengolin bekommen.“ Nach einigen Monaten hatten viele Mädchen 10 bis 20 kg zugenommen. Zu trinjen gab es nur zu den Mahlzeiten. Auch im Sommer bei der Hitze im Bügel-Saal. Es waren aber nicht alle Schwestern so schlimm wie Alexa und Vincentiene. Schwester Manuela die die Theresien-Gruppe leitete, war nicht so streng und tröstete uns, wenn wir traurig waren. Das Redeverbot nahm sie nicht so genau. Dafür wurde sie von Schwester Vincentine im Beisein der Mädchen gerügt. Wenn ich meine Tochter besuchte, stand sie und auch die anderen Kinder schaukelnd und mit dem Kopf wackelnd im Bett. Sie waren mit Windeln an den Gitterbetten angebunden. Spielsachen waren kaum vorhanden. Im Herbst 19 und 61 wurde ich nach Allen bei Rühnern verlegt, auf den Strüvernhof. Ein großer Bauernhof der zum Vincenzheim gehörte. Dort musste ich auf dem Feld arbeiten. Kartoffeln auflesen und Runkeln ziehen, im Schweinestall und im Kuhstall arbeiten. Das Heim war Selbstversorger. Denn auch Obst und Gemüse und Salat wurden Saisongemäß geerntet. Zwei civil beschäftigte Frauen brachten die Ware täglich nach Dortmund. Während dieser Zeit habe ich meine Tochter nicht gesehen. Bei meiner Entlassung war ich 181/2 Jahre alt. Ich habe dann in einer Fabrik gearbeitet in der Elektrogeräte hergestellt wurden. Meinen Lohn musste ich zu Hause abgeben. Damit ich meine Tochter am Wochenende besuchen konnte, putzte ich nach Feierabend die Büroräume. Das Geld bekam ich separat ausgezahlt. Nach etwa acht Wochen habe ich dann einen Platz im Iserohner Waisenaus gefunden. Als ich meine Tochter abholte war sie ein 11/4 Jahr alt. Sie konnte noch nicht alleine laufen. Sie schwankte beim Gehen hin und her. Die Schwester in der Kleinkinder-Abteilung sagte zu mir: „Geh´ mal mit ihr zum Arzt, da stimmt was nicht.“ Das Waisenaus stellte Sie den Kinderarzt Doktor Tigges vor. Die Praxis benachrichtigte mich telefonisch auf meiner Arbeitsstelle. Der Arzt erklärte mir an Hand einer Röntgenufnahme, dass meine Tochter eine doppelseitige Hüftgelenksluktuation hätte, die in seltenen Fällen bei der Geburt vorhanden sei, aber durch die Steißlage und die dadurch komplizierte Geburt begünstigt würde. Sie kam sofort nach Dortmund in die orthopädischen Klinik. Dort wurde sie unter Narkose eingerenkt und lag dann Wochen lang im Gipsbett. Die Ärzte im Krankenhaus sagten mir, die Schäden hätten schon viel früher festgestellt werden müssen, weil diese schäden bei Lageanomalien bekannt seien. Danach nahm das Waisenhaus in Iserlohn sie nicht wieder auf. Sie kam zurück ins Vincenzheim. Dort blieb sie bis zum 1. November 1963. Einen Tag nach meiner Heirat holten wir sie ab. Es folgten bis zum 12. Lebensjahr drei schwere Operationen. Mit 16 wurden Ihr Schrauben entfernt. Sie ist von Kind an zu 80 Prozent schwerbehindert. Sie war ein sehr schwieriges Kind. Besuchte die Sonderschule. Ich war oft überfordert. Heute weiß ich, dass die ersten Lebensjahre eines Kindes sehr prägend sind. Ich habe immer noch große Schuldgefühle. Vor 13 Jahren sagte sie mir: „Mutti, Du hast mich nie geliebt.“ Seit dem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, hat mich der Heimaufenthalt doch sehr stark geprägt.
Alle Autoritäten sind mir zuwider! Um jede Kirche mache ich einen großen Bogen! Wenn ich einer Nonne oder einen Priester begegne, habe ich sofort negative Erinnerungen an Zwang, Drangal und Demütigung. Meine Kinder habe ich nicht religiös erzogen, aber ihnen Achtung vor Menschen beigebracht. Meine beiden Töchter S. und P. haben Fachabitur und arbeiten in sozialen Berufen. Mein Sohn A. hat Mittlere Reife und ist Einzelhandelskaufmann. Nur bei M. ist viel schief gelaufen. Was ich auf Ihre frühkindlichen Erlebnisse zurückführe.
Vielen Dank
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Michael Peter Schiltsky
Sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrte Damen und Herren
Ich bin Nr. 34, Neuer!
In meiner öffentlichen Biographie heißt es unter Anderem: Michael-Peter Schiltsky 1947 Geboren in Holzminden, 1967 Abitur. Dann Studium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und der Germanistik an der Universität in Karlsruhe Geschäftsführer und künstlerischer Leiter einer Galerie in Karlsruhe Langjähriger Lehrauftrag an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim Gastprofessur an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim Interimsgeschäftsführer im Badischen Kunstverein in Karlsruhe Gastprofessur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Stipendium Cité Internanionale des Arts in Paris Werkvertrag mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz - Mitglied im Deutschen Künstlerbund Arbeiten in öffentlichen Sammlungen unter Anderen Staatsgalerie Stuttgart, Kunsthalle Mannheim, Kunsthalle Karlsruhe, Sprengelmuseum Hannover, Sammlung Schloss Salder Salzgitter, Sammlung der Stadt Kassel
Meine private Biographie ist wesentlich von der Heimzeit von 1957 bis 1967 geprägt.
Bevor ich ins Heim kam, hatte ich bei Frau Bernazkon im Hinterzimmer ihres Kollonialwarenladens drei Apfelsinenkisten als Bett, eine Decke als Matratze eine Decke als Zudeck.
Meine Mutter arbeitete damals als Propagandistin, sie war im Dritten Reich als Lehrerin ausgebildet, nach dem Krieg aber nicht wieder in den Dienst übernommen worden.
Eines Nachts, kam sie an, holte mich von meinen Apfelsinenkisten, nahm mich mit in ein Hotel in Gelsenkirchen-Buer und brachte mich nach einigen Tagen in das Knabenheim Westuffeln in Werl. Mein Vater war zu der Zeit bereits todkrank und lag im Krankenhaus, er starb ein halbes Jahr später.
In einem imposanten Bau mit Park und Gartenanlagen bekam ich, weil das Haus voll belegt war, im Krankenzimmer ein Bett zugewiesen. Ich sollte knapp 3 Wochen später 10 Jahre alt werden. Nach den langen Monaten auf den Apfelsinenkisten schien dies erst eine deutliche Verbesserung meiner Situation zu sein, zumal es auch regelmäßig zu essen gab.
Doch dann kam gleich in den ersten Tagen jemand nachts in den dunklen Raum und legte sich zu mir ins Bett.
Ein Ereignis das für mich nicht einzuordnen war: Jemand legt sich zu mir und ist fast zärtlich, was ich über ein ganzes Jahr oder länger gar nicht erlebt hatte, und dann: Da stimmt etwas nicht: da tut etwas weh und ist nicht in Ordnung, und das will ich auch nicht, und gleichzeitig auch: Das darfst du keinem sagen. Eine ambivalente Situation: Zuwendung, die man gleichzeitig nicht will. Das dauerte so lange, bis ich in den kleinen Schlafsaal verlegt wurde.
Jahre später, das Geschehene ist ganz weit weggeschoben, ich liege mit einem lieben Menschen im Bett, und sie fasst mich an der falschen Stelle an, und ich werde starr. Von einem Moment auf den anderen ist alles zu. Ich war nicht drauf gefasst und hatte auch keine Möglichkeiten, mich darauf vorzubereiten, es überfiel mich mit Macht, einer Macht, die mich noch heute bannt.
Anderen die auch in dieser Zeit in Westuffeln gewesen sind, ist Ähnliches widerfahren. Noch in den sechziger Jahren wurde einer der Erzieher, die in Westuffeln gearbeitet hatten, wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener rechtskräftig verurteilt.
Wir erhalten auch sehr häufige Hinweise auf sexuellen Missbrauch, sowohl in den Mädchen als auch in den Knabenheimen, wobei man sich vergegenwärtigen muss, dass dieser Missbrauch durch Machtmissbrauch erst möglich wurde. Die Namen der Betroffenen, die von Übergriffen durch Salesianer, Diakone, Beichtväter und anderen berichten, sind uns bekannt. Frauen, die von gynäkologischen Zwangsuntersuchungen berichten, erzählen auch, dass diese in der Form, in der sie stattgefunden haben, als sexueller Missbrauch empfunden wurden.
Jedes Kind bekam bei seiner Aufnahme in Westuffeln eine Nummer – die Nummer, die gerade durch Entlassung frei geworden war, meine Nummer war Nr. 34. Wenn man hier neu ankam, dann war man Neuer: Neuer komm her, Neuer mach das, Neuer lauf dahin, man hatte keinen Namen, sondern man war „Neuer“, das hat sich erst geändert, wenn man einen anderen verprügelt hatte, erst dann bekam man einen Namen.
Nach knapp eineinhalb Jahren war ich dann soweit, dass ich einen zusammengeschlagen habe, und ich weiß noch, ich habe nur noch dessen Haare genommen, und den Kopf auf den Boden geknallt, wenn nicht welche gekommen wären und hätten mich weggezerrt, wäre das wahrscheinlich sehr schlimm ausgegangen. Ab da war ich dann nicht mehr Neuer. Da man aber meist einen Spitznamen bekam, gab ich mir selbst einen, indem ich mich mit meinen dritten Vornamen ansprechen ließ: Emil.
Schläge waren an der Tagesordnung, wenn man erwischt wurde, ist man schon verdroschen worden, und wenn der Erzieher gemeint hat, das war jetzt etwas Schlimmeres, dann wurde das dem Hausvater gemeldet, und dann durfte man im Speisesaal vor dem Personaltisch den Arsch blank ziehen. Das Schlimme waren nicht die Schläge, die man dann aufgezählt bekam, sondern die Tatsache, dass man vor den einzigen weiblichen Personen, die es im gesamten Heimgelände gab, nämlich dem Küchenpersonal, die Hosen runter lassen musste.
Das Heim war Selbstversorger. Die Kinder (6 -14 jährig) mussten täglich mehrere Stunden arbeiten: in der Küche, beim Kartoffelschälen, in den großen Gartenanlagen, im Gewächshaus, im Park oder in den Ställen bei den Schweinen, den Hühnern, Schafen und Eseln. Der Tag begann mit der Arbeit vor dem Frühstück, jeden Morgen alle Räume, die von den Kindern benutz wurden Staub wischen, fegen, wischen, bohnern. Erst danach ging es in den Speisesaal zur täglichen Haferschleimsuppe mit Brot zum reinbrocken. Gegessen wurde von Blechtellern.
In der Saisonzeit, wenn zum Beispiel das in der damaligen Zeit noch übliche Rüben vereinzeln, Heuwenden oder Kartoffelnlesen notwendig war, wurden wir mit einem Traktor geholt und zu den Feldern der Stiftungsratsmitglieder gefahren, Mitgliedern des Kuratoriums gefahren. Die Schule fiel dann aus.
Das Geld, was es dafür gegeben hat, haben wir nie zu sehen bekommen. Angeblich war es so, dass es eine Mark gegeben hat, eine Mark pro Tag, aber die Mark ist dann vom Hausvater einbehalten worden, mit der Begründung, das ist dann für die, die gar nichts haben, für die Weihnachtsgeschenke. Doch von dem Geld fürs Rüben vereinzeln, Heuwenden, Spargelstechen oder Kartoffellesen haben wir Kinder nie etwas erhalten. Der Stadtarchivar von Werl hat mir erzählt, dass man damals 5 DM pro Tag bei den Bauern erhalten habe.
Unter den Jungen existierte eine rigide Hackordnung. Der Stärkste hatte das Sagen. Und die Rangfolge wurde mit Fäusten und Tritten blutig ausgekämpft. Daraus ergab sich auch eine Art Kapo-System, das von den Erziehern offenbar gewünscht war.
Doch manchmal gab es auch Solidarität mit den Schwächeren wie beispielsweise im Umgang mit Bettnässern:
Es muss einfach so gewesen sein, dass wir Kinder gemerkt haben, dass es nicht in Ordnung war, dass Bettnässer mit dem nassen Laken über dem Kopf Spießruten laufen mussten, und haben einen Weckdienst eingerichtet, also Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben organisiert, dass die Kinder von welchen wir wussten, dass sie ins Bett machen, geweckt und auf die Toilette gebracht wurden. Das haben wir mehrere Jahre so durchgehalten.
Solidarität war auch dann möglich, wenn es gegen die Erzieher ging: zum Beispiel als entdeckt wurde, dass jemand in der Vorratskammer genascht hatte. Da saßen 50 Kinder dann zur Strafe einen ganzen Sonntag von morgens bis abends, ohne Essen, mit dem Finger auf dem Mund und sagten nichts, obwohl jeder wußte, wer das gewesen ist, und es war klar; man sagt das nicht.
Schläge waren an der Tagesordnung.
Einer der Erzieher, Günter Matschke, den ich in Westuffeln erlebt habe, hat zu den Zuständen dort 2004 folgendes gesagt:
„Die Gesamtheit musste ja funktionieren, sonst waren da sehr schnell chaotische Zustände, die man zu verhindern hatte. Wenn man als Erzieher einen Ruf hatte, bei dem geht es drunter und drüber, das war ein schlechtes Image für einen selber, von daher stand man schon unter dem Zwang, in seiner Gruppe Ordnung zu haben und das ließ sich bei der Masse von Kindern oft nur mit Gewalt durchsetzen.“
Matschke spricht rückblickend, von Kasernenhof-Pädagogik, die nicht nur in Westuffeln, sondern in fast allen Heimen jener Zeit geherrscht habe.
„Ich sage heute, ich habe mich schuldig gemacht, das tut mir heute noch weh, die Jahre, die man da Menschen misshandelt hat,
aber als eigene Entlastung kann man sagen: es war damals in der Zeit noch so und die Zustände waren einfach heillos.
Was da für Deformierungen von jungen Menschen passiert ist, das kann man nicht wiedergutmachen, das ist schuldhaft, nur dass man es nicht als Schuld einsieht von den Mitarbeitern, die dieses Systeme verkörpert haben, das wird heute noch nicht als Schuld gesehen, ich persönlich muss sagen: Ich sage mir manchmal, was sind wir doch für erbärmliche Leute gewesen, dass wir so reagieren mussten. Man hätte ja auch auf die Barrikaden gehen können.“
Der „Hausvater“, der von 1959 bis 1969 Westuffeln leitete, sagte mir, als ich Ihn vor einigen Jahren besuchte und mit meinen Erinnerungen an das Heim konfrontierte: „So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, sogar aus Dir ist doch noch was geworden.“
Am Tag meiner Konfirmation 1962 war meine Mutter das zweite Mal in Westuffeln und hat mich abgeholt. Ein Berufsberater, der mir eine Stelle als Werkzeugmacher beschafft hatte, hatte mir erklärt, ich könnte auch versuchen die Prüfung für ein Aufbaugymnasium zu machen.
Der Lehrer der uns in der Heimschule in Westuffeln alle zusammen, 50 Kinder, erstes bis achtes Schuljahr in einem Raum unterrichtet hatte, hatte seine Arbeit gut gemacht, ich habe die Aufnahmeprüfung für das Staatliche Aufbau-gymnasium mit Heim in Nagold bestanden und ging, nach eigenem Entschluss, von meiner Halbwaisenrente bezahlt, noch einmal ins Heim, von 1962 bis 1967. Dort machte ich das Abitur.
Diese Fünf Jahre Heimerfahrung stellten alles auf den Kopf, was ich in den fünf Jahren zuvor erlebt hatte.
Hier durfte ich ein Instrument lernen müssen.
Hier durfte ich ins Theater gehen müssen.
Hier durfte ich in Vorträge gehen müssen.
Hier durfte ich Literatur lesen müssen.
Hier durfte ich im Schulchor singen müssen
Hier durfte ich in der Literarischen Arbeitsgemeinschaft arbeiten müssen
Hier durfte ich mit der Theaterarbeitsgemeinschaft Stücke aufführen müssen
Hier durfte ich ins Konzert gehen müssen
Hier durfte ich Gedichte schreiben müssen
Hier durfte ich lernen müssen, dass die Fähigkeit zum Widerspruch erarbeitet werden will, um zu einem mündigen Bürger heranwachsen zu können.
Hier wurde nie jemand von einem Erzieher geschlagen, es gab ohnehin nur die Lehrer als Erzieher.
Hier wurde versucht uns mit Musik, Literatur, Theater und Kunst, Geschichte und dem was sonst noch für das Abitur wichtig war, die Freude an Bildung zu vermitteln.
Eines der größten Verbrechen, das in vielen der Heime begangen wurde, war die Verhinderung von Bildung!
Für mich sind die Jahre in Nagold der Beweis dafür, dass es auch in anderen Heimen anders hätte zugehen können, wenn man den Kindern und Jugendlichen Achtung entgegen gebracht hätte.
Nicht vergessen werden darf die Problematik der Nachopfer, die bereits angedeutet wurde, zu der ich aber noch einen Aspekt hinzufügen muss: Die Gewalt, die wir mit in unsere Beziehungen genommen haben. So bin ich in Konfliktsituationen gewalttätig gegen meine Frau und meine Kinder geworden, und zwar in einem Maße, dass aus meiner Sicht, eine Strafverfolgung hätte nach sich ziehen müssen. Und das als Jemand, der sich immer gegen Gewalt gewandt, aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigert hat. Ich verdanke es meiner Frau und meinen Kindern, dass wir gemeinsam, durch lange Arbeit einen Weg gefunden haben, aus diesem Teufelskreis herauszutreten. Mit den Worten eines anderen Betroffenen muss ich jedoch sagen: „Ich bin eine Zeitbombe!“
Wie ein Alkoholiker sagt, ich bin so und so lange trocken, so kann ich zwar sagen, ich bin seit 26 Jahren „Gewaltfrei“, der Alkoholiker hat aber den klei nen Vorteil, sagen zu können, ich darf keinen Alkohol trinken,
ich werde nie wissen, ob ich nicht doch wieder in eine Situation gerate, in der meine Angst, verlassen zu werden, mein Gefühl nichts wert zu sein, mich wieder hilflos zuschlagen lässt. Mein Verstand sagt mir, das wird nicht mehr geschehen, mein Gefühl sagt oft, setz dich in eine Ecke und warte bis Du vertrocknest.
Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis zu einem Satz, den wir oft, auch aus dem Justizministerium der BRD, zu hören bekommen haben:
Der Spruch: „Die Zeiten waren damals so.“ stellt eine unverschämte Verharmlosung von Verbrechen wider die Menschlichkeit dar.
Bereits 1950 heißt es in einem Erlass des Sozialministeriums in NRW bezogen auf körperliche Züchtigung: „...dass ich nunmehr anordnen kann, dass auf dieses Strafmittel völlig verzichtet wird. Ich bitte daher aus allen Hausordnungen, soweit darin noch die Möglichkeit einer körperlichen Züchtigung vorgesehen ist, diesen Passus zu streichen.“
Das Väterliche Züchtigungsrecht wurde 1957/58 ersatzlos gestrichen. Es war Verfassungswidrig.
Das Grundgesetz der BRD, mit den darin enthaltenen Menschenrechten, gilt seit 1949. Ich habe darin keine Stelle finden können, in der festgestellt wird, dass Kinder keine Menschen sind, also die Menschenrechte für sie keine Gültigkeit hätten. Was allerdings fehlt, ist der Hinweis, dass die gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich dazu verpflichtet ist, dafür Sorge zu tragen, dass Kinder ihre Menschenrechte auch verwirklichen können.
Wenn jemand dergleichen, wie es hier heute vorgetragen worden ist, einem Erwachsenen angetan hätte, so wäre dies, auch damals bereits, bezogen auf die Schläge, Körperverletzung oder, bezüglich der Unterbringung in Besinnungszimmern Freiheitsberaubung, im Falle des sexuellen Missbrauchs, Vergewaltigung, also eine Straftat, wenn nicht gar ein Verbrechen gewesen! .......
Es muss in Deutschland endlich ein Rechtsbewusstsein für die Rechte der Kinder entstehen, in dem unmissverständlich deutlich gemacht wird, dass die Menschenrechte uneingeschränkt für alle Menschen, also auch für Kinder gelten!
Es muss in Deutschland endlich ein Unrechtsbewusstsein dafür entstehen, dass die Verletzung der Menschenrechte ein Verbrechen, die Verletzung der Menschenrechte von Kindern ein Verbrechen an der Menschheit ist!
Nicht die Kinder, die damals „zum Schutz vor Verwahrlosung“ ins Heim kamen, waren verwahrlost, sondern die Gesellschaft, die zugelassen hat, dass Kinder und Jugendliche so behandelt worden sind, wie es Ihnen heute vorgetragen wurde; diese Gesellschaft war eine verwahrloste Gesellschaft. Es ist nun an Ihnen, meine Damen und Herren, gemeinsam mit uns, die wir als Zeitzeugen in der Verantwortung stehen, Mahner zu sein, dafür Sorge zu tragen, dass so etwas in Deutschland nicht wieder geschehen wird.
Kein Kind kann sich seine Einzigartigkeit bewahren, wenn alle Kinder immer artig sein müssen!
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Renate Schmidt
1. Einweisung in ein Kinderheim,
Im September 1963 wurde mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich wegen dramatischer familiärer Gründe auf Anraten des Jugendamtes in einem Kinderheim abgegeben. Zwei weitere jüngere Geschwister verblieben vorerst noch zu Hause. Weder wurden wir darauf vorbereitet, noch zu einem späteren Zeitpunkt darüber informiert. Was mir wichtig ist: Anscheinend konnte man damals Kinder per Gesetz als Sache behandeln. Dort machte ich meinen Hauptschulabschluß (damals Volksschule), und verließ das Kinderheim(mein jüngerer Bruder blieb zurück) im Frühjahr 1966, mit fließendem Übergang, da ich einen Ausbildungsplatz mit Unterkunft vermittelt bekam über das Arbeitsamt, als Floristin. Während des 1. Ausbildungsjahres zeigte mein Chef und Ausbilder ein reges sexuelles Interesse an mir, welches sich im Laufe der Zeit stark zuspitzte, und mit versuchter Vergewaltigung endete.
In meiner Not wußte ich mir keinen anderen Rat, als von dort weg zu laufen, und nahm den Arbeitsplatz nicht wieder nicht wieder auf. Meine Großmutter, der einzig intensive familiäre Kontakt für mich während dieser Zeit, erzählte ich das Drama. Diese riet mir, mich an das Jugendamt zu wenden, um die Hilfe zu bekommen, die jetzt bitter nötig wäre. Da ich sehr verängstigt war, und der Gedanke an das Jugendamt nicht gerade vertrauen in mir weckte, bot meine Großmutter mir an dort hin mit zu gehen, und mich nicht allein zu lassen. Auf dem Jugendamt versuchte ich so gut es mir möglich war, meine Situation verständlich zu machen, worauf hin sie mir einen neuen Arbeitsplatz anboten. Wir besprachen einen Termin für den nächsten Tag, an dem die Dame des Jugendamtes mich zwecks Vorstellung bei einer neuen Arbeitsstelle abholen würde.
Dass ich nun als sittlich und moralisch gefährdete Jugendliche in ein Erziehungsheim eingewiesen werden sollte war mir nicht bewußt. Zudem wußte ich nicht, das man als junge Heranwachsende mit Gefängnis bestraft wird, weil man sexuell genötigt und fast vergewaltigt wurde. Den richterlichen Beschluß für eine Einweisung halte ich heute in meinen Händen.
2. Erziehungsheim Breitenau “Mädchenheim Fuldatal”, Guxhagen bei Kassel
Am nächsten Morgen erschien ich zur abgemachten Zeit auf dem Jugendamt, und ich fuhr mit der Dame vom Jugendamt merkwürdigerweise zuerst zu einer ärtztl. Untersuchung, worüber ich nicht informiert wurde. Wir fuhren in ein Krankenhaus, wo ich gebeten wurde, in einem Wartezimmer einen Moment Platz zu nehmen. Ich war logischer Weise in dem guten Glauben, es ginge um meinen Arbeitsplatz. Als sich nach einiger Zeit nichts tat und ich die Toilette aufsuchen mußte, stellte ich fest, das die Türen verschlossen waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich (nach heutigen Masstäben) weder aufgeklärt, noch wußte ich was bei einem Gynäkologen vor sich ging, außerdem war ich noch Jungfrau. Nun wurde ich gebeten, mit zu kommen in das Untersuchungszimmer, wo ich, ohne Fragen zu stellen, alles über mich ergehen ließ. Zum Schluß wurde mir noch Blut entnommen, und wir fuhren nun zu meinem angeblich neuen Arbeitsplatz. Auf meine damalige emotionale Situation möchte ich hier nicht weiter eingehen, obwohl das gerade geschilderte schon Trauma genug ist für einen jungen Menschen. Mein Trauma sollte aber jetzt erst richtig beginnen.
Nach einer guten dreiviertelstunde Autofahrt sah ich schon von weitem riesige Mauern mit Stacheldraht bestückt, worauf wir jetzt zu fuhren. Die Fenster des Gebäudes waren vergittert und ich fragte mich was ich hier wohl soll???
Ich starrte die Frau vom Jugendamt an, und fragte sie warum ich in ein Gefängnis gebracht werde? Die junge Frau, vielleicht 25 Jahre, erklärte mir dies sei ein Erziehungsheim für junge Mädchen, und ich müßte nur einige Wochen hier bleiben, bis man einen geeigneten Arbeitsplatz für mich habe. Wir bogen in das große Tor ein und hinter mir schloßen sich die Pforten. Auf der Geschäftsstelle angekommen, gingen wir in das Büro der Heimleiterin, welche sich mir vorstellte als Leiterin des Institutes.
Von dem Aussehen der Heimleitung war ich schwer beeindruckt, als sie hinter ihrem Schreibtisch hervorkam, mit ihrem Kurzhaarschnitt, den markanten Gesichtszügen, und dem kühlen strengen Blick aus den Augenwinkeln. Gekleidet war sie mit grauem Rock, einer Bluse und schwarzer Lederjacke. Die junge Frau vom Jugendamt hatte sich schnell verabschiedet, und ich wurde nun von einer Schwester Namens Gertrud in Schwesternkleidung mit Häubchen abgeholt.
Sie ging mit mir über den Hof, indem sie mir erklärte ich würde jetzt untersucht. Im Untersuchungszimmer angekommen, mußte ich mich völlig nackt ausziehen, meine eigene Kleidung wurde mir weggenommen, und eine umfassende Körperinspektion wurde an mir vorgenommen. Dazu zählte die genaueste Überprüfung von Kopf und Filzläusen. Anschliessend bekam ich ein Nachthemd aus grauem Sackleinen, eine Baumwollunterhose, und einen Arbeitskittel, der als Morgenrock diente. Strümpfe gehörten nicht dazu, lediglich dünne Filzpantoffeln, zusätzlich Zahncreme und Bürste.
Anschliessend wurde ich in ein Zimmer geführt, rechts und links an der Wand jeweils ein Eisenbett mit dünner Decke, Kissen und grauen Bezügen. An den weiß getünchten Wänden ein oder zwei nichtssagende Bilder. Nachttische aus Holz, und die Schwester holte noch einen Nachttopf herbei. Dann wurde die Tür verschlossen, ich war allein auf der Isostation, wie ich dann später erfuhr, für insgesamt 10 Tage. Außer Mahlzeiten, hin und wieder etwas Literatur und einer nochmaligen ärztlichen Untersuchung hatte ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Die Fenster waren vergittert.
Nach 10 Tagen der Isolation kam ich in die Aufnahmegruppe. Hier wurden Kleinstteile für die Autoindustrie gefertigt und für Firmen die Fertigstellung von Besteckkästen im Akkord hergestellt. Arbeitszeiten waren von Montag bis Freitag, jeweils 8 Std. tägl. Eine Stunde Mittagspause. In der Herstellung gab es die Vorgabe, 300 Teile Vormittags fertig zu stellen, und 300 Teile Nachmittags. Es galt das absolute Redeverbot. Für die Herstellung von 400 Teilen pro 4 Std. Arbeitszeit bekam man 10 Pfennig zusätzlich, für weniger als 300 Teile 10 Pfennig Abzug. Für brechen des Schweigegebots gab es 50 Pfennig. Lohnabzug.
Der Speiseplan der Mittagsmahlzeiten bestand aus den drei Mal wöchentlich wiederkehrenden Suppen. Darunter jeden Mittwoch die leckere Brotsuppe. Wahrscheinlich kannte mein Vater diese aus Kriegszeiten und Gefangenschaft schon. Aber inzwischen war der Krieg schon mehr als 20 Jahre vorbei, und draußen tobte das Wirtschaftswunder inmitten einer Demokratie.
Ich habe hier viele Mädchen kommen und gehen gesehen, die sich ständig selbst verletzten, und immer wieder verzweifelt versuchten auszubrechen. Zu diesen Mädchen gehörte auch ich. Hier lernte ich homosexuelle Beziehungen kennen, von verzweifelten Menschen, die nach Zuneigung und Anerkennung schrien. Hier lernte ich, das es besser ist sich selber Schmerz zuzufügen, damit du den Schmerz der von außen kam nicht mehr spüren mußtest.
Die Post wurde kontrolliert und gelesen, Besuch war nur auf Antrag alle acht Wochen (von dafür ausgewählten Personen) erlaubt.
Meine Geschwister wußten nicht wo ich war. Für jeden sei es auch noch so ein geringer Verstoß gab es die Klabause(Isohaft). Ich habe Mädchen gesehen die für ein Stück Leberwurstbrot sexuellen Wünschen nach gaben, und eine Heimleitung, die in schwarzer Lederkleidung mit Peitsche herumlief, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
In der Aufnahmegruppe befanden sich im Durchschnitt 15 Mädchen. Insgesamt hatte das Erziehungsheim ca. 80 Plätze für junge Mädchen, durchschnittlich im Alter von 14 bis 20 Jahren. Ich selbst kann mich aber an ein 11jähriges hochschwangeres Mädchen erinnern, welche in unserer Gruppe arbeiten mußte, bis zu ihrer Niederkunft. Sehr oft war die Aufnahmekapazität erschöpft, wegen Überbelegung. Jeden zweiten Sonntag hatten wir Schreibtag. Jeder bekam ein Blatt und einen Kugelschreiber, wobei die Ausgabe gegen Unterschrift statt fand, und genauso wieder abgegeben werden mußten. Jeder Brief wurde gelesen, von Menschen, die uns betreuten, aber meistens über keine pädagogische Fachausbildung verfügten. Es war uns noch nicht einmal erlaubt, auch nur einen Kugelschreiber zu besitzen. Täglich wurde das Licht um Punkt 21.00 Uhr gelöscht, wobei die Lichtschalter sich ausserhalb der Zimmer befanden. Wenn wir überhaupt lesen durften, dann nur ausgesuchte Bücher, keine Zeitungen, Keine Illustrierten, Magazine. Radio hören, Nachrichten sehen war verboten.
Es war alles verboten, nichts war erlaubt. Wer in Breitenau die Pforten hinter sich geschlossen hatte, hatte keine Menschenrechte mehr, keine Selbstwürde, vor allem keinerlei Freiheit. Wenn man mal von draussen ein Päckchen erhalten hatte, musste das in Gegenwart des Personals geöffnet werden, der Inhalt wurde strengstens kontrolliert, Schokolinsen, Kaugummi usw. wurden weggenommen, von dem Rest was dann noch in dem Päckchen war, durfte man sich jeden Abend ein Teil geben lassen, aber nur wenn es dem Personal gepasst hat, denn man durfte sein eigenes Päckchen nicht behalten, es wurde eingeschlossen.
Zigaretten gab es gar keine, ausser ein Mädchen hat sich dafür mit einem aus der Landwirtschaft sexuell missbrauchen lassen, und dafür, wenn man dann beim Rauchen erwischt wurde noch mit mehreren Tagen Besinnungsstube bestraft.
Dieses Heim war mit einer sehr hohen Mauer umgeben, darauf viele Glasscherben und Stacheldraht, trotzdem haben immer wieder Mädchen versucht von dort zu fliehen, zogen sich dabei die schwersten Verletzungen zu, aber immer noch besser als dort eingesperrt zu bleiben. Eine Flucht gelang einem nur wenn man im Aussendienst arbeiten konnte, was aber auch sehr schwer war, da man immer stark bewacht wurde. Für einen Fluchtversuch gab es wie immer Besinnungsstube und drei Monate längeren Heimaufenthalt, für gelungene Flucht sechs Monate Verlängerung. Wo zu man noch sagen muss, das keiner der Mädchen nie wusste, wie lange der jeweilige Heimaufenthalt dauert.
In den Gruppen fanden unregelmässige Zimmerkontrollen statt wenn wir zur Arbeit waren, das wenige was wir sowieso nur besassen, war aus den Nachtschränken rausgerissen, die vier Monatsbinden die man für einen Monat bekam zerrissen, weil darin ja etwas verbotenes versteckt sein könnte.
Die Aufteilung der Schlafsäle war in Einzelzimmer, Dreibettzimmer bis Fünfbettzimmer eingeteilt. Für jeden Schlafsaal gab es einen Nachttopf, den man in einen Nachtschrank aus Holz stellen musste, dementsprechend hat er auch gestunken. Manchmal haben sich die Mädchen wegen Überfüllung des Nachttopfes nicht mehr getraut Ihre Notdurft zu verrichten, denn der letzte der dies gemacht hat, musste den Nachttopf entleeren. Wer Abends vergessen hatte den Nachttopf mit ins Zimmer zu nehmen, hatte Pech, denn die Tür die einmal abgeschlossen war, wurde vor dem anderen Morgen nicht mehr aufgeschlossen, da konnte man klopfen so viel man wollte.
Zu dem Tagesablauf gäb es noch zu sagen:
Morgens um sechs Uhr dreißig aufstehen, Bett aufstellen, das heisst drei Matratzen hochstellen,danach waschen unter Kontrolle des Personals, die auf einem Stuhl dabei saß und uns beobachte. Nach dem Waschen die Betten ordentlich machen, Frühstücken, um kurz vor acht Uhr in den großen Hof, wo sich alle Heiminsassinnen versammeln, in der Mitte die Heimleiterin, unter deren Regiment wurde ein Volkslied gesungen, danach bis zwölf Uhr zur Arbeit, Mittagessen,dreizehn Uhr wieder nach erneutem Singen arbeiten bis siebzehn Uhr, ab zur Gruppe, waschen, Schuhe putzen, Abendbrot. Danach konnte man Handarbeiten, wenn die Aufsicht gute Laune hatte auch mal Gesellschaftsspiele machen. Einundzwanzig Uhr Ende eines auch so monotonem Tag.
Gearbeitet wurde in der Industrie, Näherei, Waschküche, Küche, Altenheim, Gärtnerei, Feld, Kuh und Schweinestall.
Zu anderen Heiminsassinnen durfte man keine Freundschaft aufbauen, sonst war man gleich Lesbisch, und wurde sofort in eine andere Gruppe verlegt wo es nur Einzelzimmer gab.
Es gäbe dazu noch soviel zu sagen, aber da mich die ganze Geschichte nach dieser langen Zeit immer noch belastet, möchte ich jetzt dazu kommen wie es mir ergangen ist, als ich endlich nach 31 Monaten dieses ach so ehrenwerte Haus verlassen konnte.
Mit 45 DM wurde ich entlassen, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Angekommen Kassel- Hauptbahnhof. Wo sollte ich hin? Stundenlang hab ich dort im Wartesaal gesessen, bis sich ein junger Mann ansprach, dem ich im Laufe des Gesprächs sagte das ich kein Zuhause habe, der lud mich ein bei seiner Großmutter zu übernachten, ich nahm dankend an. Die erste Zeit war schön, es entwickelte sich eine Beziehung, jedoch nach 3 Monaten musste ich bitter erfahren, das ich an einen Zuhälter geraten bin, es hagelte nur noch Schläge, ich musste anschaffen gehen. Ich hatte wieder keine Wahl, habe mich in mein Schicksal ergeben, bis der Zuhälter inhaftiert wurde. Dann lernte ich meinen ersten Ehemann kennen,die Ehe habe ich nach 4 Jahren beendet, weil er mich nur belogen und betrogen hatte. Danach habe ich mich in der Gastronomie selbständig gemacht, immer wieder die falschen Männer kennengelernt, wieder in das Strichmilieu abgerutscht, mein derzeitiger Mann hat mich nur geschlagen, immer wieder krankenhausreif. Erst vor acht Jahren hat sich für mich mein Leben geändert, Ich bin jetzt seit sieben Jahren mit dem besten Mann zusammen, davon fünf Jahre verheiratet, mein Mann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, die ich sehr liebe und sie mich auch, habe jetzt sogar seit 9 Monaten eine Enkelin, mein ganzer Sonnenschein. Trotzdem kann ich diese schreckliche Zeit die davor war nicht vergessen. Wenn man mich nicht weggesperrt hätte, wäre mir das alles erspart geblieben, vor allen Dingen lag kein gravierender Grund vor. Heut zu Tage würde man diese Leute wegen Freiheitsberaubung anzeigen.
Anbei die Adresse von dem Kinderheim in dem meine Geschwister waren, ich hatte ja schon erwähnt, das wir an die Akten nicht ran kommen.
Antroposophisches Kinderheim
Heimleiterin Johanna Eckhardt
Damals Bergstrasse 147
Heute Konrad-Adenauerstrasse 147
Kassel- Wilhelmshöhe Brasselsberg
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Wolfgang Bahr, Kassel
Wo war in den 50rer und 60er Jahren die Heimaufsicht?
Die Aufsicht über Heime existierte so gut wie nicht. Die Träger konnten eine Befreiung von der im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz festgelegten Einzelhalteerlaubnis erhalten und waren damit faktisch ohne Aufsicht. Damit waren Leistungserbringung und die Kontrolle darüber in einer Hand. Erst mit dem Jugendwohlfahrtsgesetz wurde die Heimaufsicht im Jahre 1961 (in § 78) eingeführt. Damit konnte allmählich eine Veränderung und Verbesserung der Bedingungen in der Heimerziehung erreicht werden. Wirklich wurde der alte Zopf der Heimerziehung aus den 50er und 60er Jahren jedoch erst mit der Heimrevolte nach 1968 durch Reformen allmählich verändert. Eine qualifizierte Heimaufsicht, die Beratung und Kontrolle einschließt, wurde mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ab 01.01.1991 eingeführt und den Landesjugendämtern zugeschrieben. Damit lag die Finanzverantwortung und die Kontrolle und Aufsicht nicht in einer Hand. Das Landesjugendamt konnte durch Beratung, Hilfe, Auflagen oder Schließung der Einrichtung Problemen in der Heimerziehung begegnen.
Im Sommer dieses Jahres wurden durch Bundestag und -rat Änderungen im Grundgesetz beschlossen, die für die Heimaufsicht und fachlichen Begleitung der Heimerziehung und der gesamten Kinder und Jugendhilfe große Folgen haben kann.
Folgendes ist an Änderungen beschlossen worden: Art. 72 Abs. 2 GG schränkt die (konkurrierende) Gesetzgebungskompetenz des Bundes ein. Es bleibt dem Bundesgesetzgeber lediglich die Modernisierung bereits bestehender Regelungen. Innovative und strukturelle Weiterentwicklungen im Kinder- und Jugendhilferecht sind unter diesen rechtlichen Bedingungen nicht zu erwarten. Die Änderungen in Art. 84 Abs. 1 ermöglicht den Ländern, ab 01.09.2006 von bundesrechtlichen Vorgaben der Aufgabenzuweisung an bestimmte Behörden abzuweichen.
Nach Art. 125b Abs. 2 GG können ab 01.01.2009 die Länder auch Abweichungen bezüglich festgelegter Verwaltungsverfahren in Bundesrechtlichen Stammgesetzen vornehmen.
In Bezug auf die Heimaussicht der Landesjugendämter und die fachliche Begleitung der Heimerziehung durch die Jugendämter heißt das:
Die Länder können die Aufgabenzuweisungen der Jugend- und Landesjugendämter auf andere Behörden verlagern. Sie können sogar beschließen, dass die Kommunen selber festlegen, welche Behörden die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe wahrnehmen sollen. Damit würde dann das Jugendamt als Fachbehörde auch in Bezug auf seine Zweigliedrigkeit (Verwaltung und Jugendhilfeausschuss) und Bündelung aller Jugendhilfeaufgaben zur Disposition stehen.
Der Bund kann auf eine solche Abweichung mit einer neuen bundesrechtlichen Regelung antworten. Die Länder können dann wiederum eine andere Regelung treffen. Im Verhältnis zu Bundes- und Landesrecht hat dann das jeweilige spätere Gesetz Gültigkeit. Ein für die Jugendhilfe vernichtendes hin und her, was auch als Pingpong-Gesetzgebung bezeichnet wird.
In Niedersachsen gibt es bereits den Beschluss, zum 01.01.2007 das Landesjugendamt aufzulösen. In einigen anderen Ländern sind die Landesjugendämter bereits aufgelöst und in Abteilungen der Ministerien oder anderen Strukturen von Behörden eingegliedert worden. Mit der Zerschlagung der bewährten auf zwei Ebenen bestehenden Behördenstruktur in der Kinder- und Jugendhilfe steht auch die Heimaufsicht zur Disposition. Denn Aufsicht kann nur dort unabhängig funktionieren, wo Leistungserbringung, Finanzhoheit und Kontrolle nicht in einer Hand liegt. In den 50er und 60 er gab es diese Trennung zwischen der Leistungserbringung und der Kontrolle häufig nicht. Das haben wir leidvoll erfahren müssen.
Darum appelliere ich an Sie:
verhindern Sie die Zerschlagung der Jugendämter
Verhindern Sie die Zerschlagung der Landesjugendämter
Verhindern Sie, dass Länder die fatale Zusammenlegung von Heimaufsicht und Finanzhoheit in einer und derselben Behörde regeln.
Mein dringender Appell an Sie: Ändern Sie das Grundgesetz so, dass eine Vermischung und Aushöhlung des Kinder- und Jugendhilferechts mit kommunalen Finanzinteressen nicht auf Kosten eine guten Kinder- und Jugendhilfe insbesondere der Heimaufsicht geht.
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Mein Name ist Heidelore R. geb. 1945
Bis zum Jahre 1956 habe ich nur gute Erinnerungen an meine Kindheit.
1956 wurde meine Mutter schwer krank mit einem Hirntumor. Sie war oft im Krankenhaus. Mein Vater hat mir dann erzählt sie müsse am Kopf operiert werden, ein Tumor würde entfernt.
Meine Mutter ist nicht mehr aus der Narkose aufgewacht, im Juni 1957 ist sie gestorben. Ich bin statt zur Schule- jeden Tag mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren, habe dort das Grab meiner Mutter besucht, ich war verzweifelt. Weil mein Vater arbeiten musste kam ich in einen Schülerhort, es hat mir dort nicht gefallen, ich konnte meinen Vater überreden nicht mehr hin zu müssen.
Mein Vater hat eines Abends Papiere für die Lebensversicherung geordnet. Ich saß mit am Tisch und habe auf einem Formular das Wort „Adoption“ und meine Vornamen gelesen. Ich habe meinen Vater gefragte, was das Wort bedeutet, er hat mir keine Antwort gegeben. Er hat alles schnell zusammengeräumt und wieder weggeschlossen. Meiner Freundin erzählte ich davon. Wir konnten dann herausbekommen, dass Kinder adoptiert würden, die keine Eltern mehr hätten.
Ich kann mich nicht erinnern was der Anlass war, als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam stand ein Mann und eine Frau vor der Haustüre, die haben mir erzählt wir würden zu meinem Vater ins Geschäft fahren und uns dort darüber unterhalten, was mit mir geschehen solle.
Wir sind nicht zu meinem Vater gefahren sondern sie haben mich zu Nonnen gebracht. Dort war ich vier Wochen. Ich durfte eine Woche lang ein spärlich eingerichtetes verschlossenes Zimmer, nur zu den Mahlzeiten und um zu beten in der Kapelle verlassen (Ich durfte nicht zur Toilette sondern musste einen Nachttopf benutzen). Es waren schwangere Mädchen und Mädchen die schon Babys hatten, dort. Ich war 12 Jahre, trotzdem haben die Mädchen mich gefragt, ob ich auch schwanger sei.
Eine Frau vom Jugendamt hat mich nach Lahr/Schwarzwald gebracht und mir erzählt, dass mein Vater dieses Heim für mich ausgesucht hätte und es mir bestimmt gefallen würde. Es war das evangelische Waisenhaus in Lahr, überwiegend waren dort Diakonissen. Die Oberin sagte, wenn ich mich anständig verhalten würde, könnte ich auch von meinem Vater besucht werden, aber erst wenn ich mich eingelebt hätte. Auf meine Frage, wann das denn sei, antwortete sie mir, sie würden mir meine Ungezogenheiten schon austreiben, ich hätte nur zu sprechen, wenn ich gefragt würde. Wieder wurde ich eingesperrt und bekam die Mahlzeiten auf das Zimmer. Das Zimmer hatte nur ein Eisenbett, keinen Stuhl und keinen Tisch oder Schrank. Das Licht konnte nur von draußen an- und ausgemacht werden und das vergitterte Fenster, fast ganz oben an der Decke, hatte keinen Griff zum aufmachen, an der Tür war ein Spion. In diesem Zimmer sollte ich noch viele Tage und Nächte verbringen.
Nach einer Woche kam ich dann in einen Schlafsaal mit 12 Betten, alle Mädchen waren älter als ich, die Älteste war damals schon 18 und hatte ein Kind, das auch im Waisenhaus in der Säuglingsabteilung war. Dieses Mädchen war Bärbel und immer, wenn sie bestraft wurde, durfte sie ihr Kind für mehrere Wochen nicht sehen, nachts hat sie immer geweint. Eigene Kleider durften nicht getragen werden, wir hatten alle eine Anstaltstracht (dunkelblaugraue steife Kleider mit gestreiften Schürzen an. Jedes Mädchen hatte eine Nummer, ich die Nummer 61. Nacht´s wurde die Tür im Schlafsaal abgeschlossen, wenn man auf Toilette musste, gab es dafür einen Eimer. Jeden Tag gingen alle 12 Mädchen gemeinsam in den Waschraum und einmal in der Woche konnte man duschen. Für mich war das anfangs ungewohnt und ich genierte mich, als die Schwester, die uns beim waschen beaufsichtigte das merkte, musste ich mich vor allen Mädchen ganz nackt ausziehen und mich waschen und zwar so wie die Schwester es sagte, manche Mädchen haben betreten weggesehen und manche haben gekichert, mir war das sehr peinlich, ich habe geweint.
Im Heim war eine Schule, alle 8 Klassen in einem Raum. Ich ging zunächst in die 5. Klasse, insgesamt waren wir ca. 30 Mädchen von der 1. bis zur 8. Klasse.
Ich hatte keine Probleme mit dem Lehrstoff sondern mit der Lehrerin, sie war keine Diakonisse. Als ein neues Mädchen aus Mannheim kam, ihr Name war Roswitha (auch 12 Jahre alt), sie weinte viel und hatte Heimweh. Sie hat erzählt, ihre Mutter sei in Amerika und würde sie bald holen. Ihre Oma wurde krank und darum hätte das Jugendamt sie abgeholt und nach Lahr gebracht. Das Schlimmste war, sie war Linkshänderin. In Mannheim war das in der Schule wohl kein Problem, aber im Heim sehr wohl. Immer wenn sie den Füllhalter in der linken Hand hatte und erwischt wurde, bekam sie nicht nur Tatzen auf die Hände, nein überall hin, auch auf den Körper und den Kopf. Mit der rechten Hand konnte sie nur langsam schreiben, darum wurde sie auch nie mit uns anderen fertig und musste immer nachsitzen. Oft bekam sie dann nichts mehr zu essen. Mir tat sie leid, ich habe darum etwas für sie abgeschrieben, nicht zu schön, dass man es nicht sofort merken sollte und das wurde mir dann zum Verhängnis. Alle beide haben wir kräftig den Rohrstock zu spüren bekommen und alle beide wurden wir eingesperrt, natürlich getrennt. Die Striemen vom Rohrstock hat man bei mir lange gesehen. Zu mir hat die Lehrerin gesagt ich wäre verlogen und ein durchtriebenes Subjekt (ich wusste gar nicht was das war), weil ich vorgetäuscht hätte, dass Roswitha das selbst geschrieben habe. Ich wäre ein hinterhältiges Früchtchen, sagte die Oberin zu mir und sie hoffe, dass ich im Arrest zur Besinnung käme und bis dahin seien Briefe und Besuche gestrichen. Briefe schreiben waren nur alle vier Wochen und Besuch nur alle viertel Jahr erlaubt. Alle Briefe wurden gelesen und manchmal auch nicht abgeschickt. Eines Abends, als mich eine Schwester zum Waschraum brachte, wurde sie von jemand gerufen und ließ mich alleine im Umkleideraum der nicht abgeschlossen war. Die Schwestern konnte man immer beim gehen hören, weil alle einen großen Schlüsselbund an ihrer Schürze befestigt hatten, der immer klimperte. Ich bin weggelaufen, am Zaun lehnte das Fahrrad von einer Schwester, ich habe es genommen ( gestohlen) und bin durch den Stall hinten um das Haus herum abgehauen. Ich wollte zu meinem Vater nach Karlsruhe, die Richtung kannte ich und habe auch nach Hause gefunden. Mein Vater war nicht glücklich mich zu sehen, aber doch froh, dass mir nichts passiert war.
Er hat mich wieder zurück gebracht. Ich habe ihm erzählt was passiert war, er hat mir nicht geglaubt, er sagte, ich hätte eine blühende Phantasie und so schlimm könne es doch nicht sein.
Ich bin wieder zurück ins Heim gekommen, mein Vater hat mich hingebracht und so lange er dabei war, ist auch nichts passiert. Ich kam aber dann doch wieder für eine Woche in das Zimmer mit den | |