|
„Ich habe versucht, mir mit einer Glasscherbe das Leben zu nehmen.“ Bericht über die Veranstaltung am 24. April 2008 im Vincenzheim, Dortmund
Von Elke Meister und Regina Eppert
Einige Gespräche - mit der heutigen Leitung und mit ehemaligen Zöglingen - waren im Vorfeld schon nötig, damit eine solche Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte. Herr Hans-Josef Langesberg, Geschäftsführer des heutigen Heimes, war zwar von Anfang an für eine Veranstaltung ebenso Frau Irmgard Neulen, Dipl. Psychologin. Doch er befürchtete negative Auswirkungen auf die heutige Arbeit mit den zu Betreuenden und auf das Ansehen der Einrichtung in der Öffentlichkeit.
Auch einige der Ehemaligen hatten zu Anfang Bedenken, ob sie jemals dieses Haus wieder betreten könnten. Wir haben sie davon überzeugen können, das das heutige Vincenzheim nicht mehr viel mit dem unserer Zeit zu tun hat. Auch konnten wir ihnen von unseren Besuchen berichten, bei denen wir als Gäste behandelt wurden. Der Einladung von Herrn Langesberg und der gesamten Leitung des Hauses, folgten schließlich etwa 25 Ehemalige, dazu einige Freunde und Angehörige.
Als Referenten waren geladen:
Prof. Manfred Kappeler, Erziehungswissenschaftler, Berlin Matthias Lehmkuhl, Landschaftsverband Westfalen-Lippe Peter Wensierski, Autor des Buches „Schläge im Namen des Herrn“ Wolfgang Rosenkötter, 1. Vorsitzender vom Verein ehemaliger Heimkinder e.V. Ordens-Schwester Reinfried, Vincentinerin aus Paderborn Ordens-Schwester Gabriele, Vincentinerin aus Paderborn
Weiterhin waren anwesend Frau Hildegard Chorhummel, Studiendirektorin i.R. und stellvertretende Vorsitzende der Vincenzheim Ausbildungsstätte e.V.Frau Annegret Krauskopf MdL in NRW als ehemalige Praktikantin des Hauses Herr Theo Breuel, Caritas Paderborn, übernahm die Moderation und begann: „Wir reden hier über unsere eigene Geschichte, die die das getan haben was nicht sein darf.“ Herr Langesberg begrüßte die Anwesenden mit den Worten: „Das Thema wird allen Anwesenden bekannt sein und wir wollen die Gelegenheit nutzen, um über dieses Thema zu sprechen.“
Marlies E. berichtete über ihren Vater, der sie prügelte als sie ihm von ihrem Freund und ihrer Schwangerschaft erzählte, der sie mit der Polizei ins Heim bringen ließ. Sie schilderte die Situation als während der hl. Messe in der Kapelle des Vincenzheimes ihre Wehen begannen und sie sich, wegen der Schmerzen setzte, worauf sich der Zeigefinger von Schwester Vincentine. in ihren Rücken bohrte und sie sich wieder hinknien musste. Wie sie unter fürchterlichen Schmerzen ihr Kind in Steißlage gebar, nach der Geburt nicht richtig betreut wurde und ihr Kind wohl dadurch einen bleibenden Schaden erlitt. Marlies, wie auch andere Ehemalige, erzählten von schlimmen Erlebnissen in diesem Heim die sie ihr Leben lang nicht vergessen können und noch immer darunter leiden.
Wie viele der damaligen Zöglinge wurden auch Marlies, Roswitha, Elke, Gisela und andere bei den kleinsten Vergehen in die „Klabause“, einer Kerkerzelle, eingesperrt. Oft mehre Tage bei Wasser und Brot. Einige berichten von dem Priester der, während er die Beichte abnahm, sexuelle Fragen stellte und sich dabei befriedigte. Keines der Mädchen hätte damals gewagt, das den Schwestern zu erzählen. Denn niemand hätte ihnen das geglaubt.
Herr Kappeler wies in seinem Bericht auf die Geschichte der Heimerziehung hin und machte deutlich, dass es schon zur damaligen Zeit bekannt war, dass „unhaltbare Zustände“ in den Heimen herrschten. Er las aus einer Arbeitsanweisung der Caritas aus den 60er Jahren vor, aus der klar hervorging, dass Prügel, Schikanen und Entwürdigungen der Heimzöglinge nicht zum Handwerkszeug von Nonnen und Heimerziehern gehören sollte. Kappeler spannte dann den Bogen zur heutigen Heimerziehung und machte deutlich, wie wichtig solche Begegnungen wie hier und heute im Vincenzheim für die Betroffenen mit ihren nicht aufgearbeiteten Traumata seien. Er sprach die anwesenden Verantwortlichen direkt an und forderte sie auf, die noch heute sicher irgendwo abgelegten Akten den Betroffenen zugänglich zu machen. Außerdem sprach er sich dafür aus, dass die Betroffenen eine Möglichkeit haben sollten, Ihre traumatischen Erlebnisse durch die Hilfe von therapeutischen Fachkräften aufzuarbeiten.
Peter Wensierski wies darauf hin, dass es in diesem Haus noch wichtige Akten über ehemalige Heimkinder geben muss. Er fragte Herrn Langesberg „Warum suchen sie nicht endlich danach?“ Anwesende Betroffene meldeten sich spontan, um bei der Suche behilflich zu sein. Wensierski: „Wir können nicht so tun als wäre hier nichts geschehen.“ Viele der Ehemaligen wollen wissen was in ihren Akten steht. Vor vier Jahren bat er schon einmal für die Betroffenen um die Akten. Er machte den Vincentinerinnen den Vorschlag, gemeinsam mit Ehemaligen eine Dokumentation über Ihre zahlreichen Häuser zu erstellen und endlich auch ihre Archive dafür zu öffnen.
Wolfgang Rosenkötter vom Heimkinderverein sprach darüber, dass die ehemaligen Heimkinder über den Verein inzwischen durch die Politik, die Medien und die Unterstützung von Personen wie Prof. Kappeler und Peter Wensierski eine starke Stimme haben. Er wies auch darauf hin, wie viel Mut es für die Betroffenen bedeutet hat, hier ins Vincenzheim zu kommen und sich der eigenen Geschichte zu stellen. Trotz der Belastungen werde dieser Weg des Dialoges von den Heimkindern weiter durchgeführt. „Jahrzehnte haben wir geschwiegen, jetzt werden wir unsere Stimme weiter erheben und auf unsere Forderungen hinweisen", so Rosenkötter. Er bat auch die Anwesenden Entscheidungsträger und die heutigen Heimverantwortlichen des Vincenzheimes darum, den angefangenen Dialog fortzusetzen. Er bedankte sich, im Namen der Betroffenen, bei der Heimleitung für die Einladung.
Regina Eppert stellte für alle die Frage: „Wie viel Selbstmorde sind unter den eingesperrten Mädchen geschehen und sind diese dokumentiert?“ „Auch hat es viele Selbstverletzungen gegeben. Was ist aus diesen Mädchen geworden?“ Unter den Anwesenden meldete sich eine Ehemalige und bestätigte, dass es Selbstmorde und Verstümmelungen gegeben hat. Auch Schwester Reinfried bestätigte diese Vorfälle.
Herr Lehmkuhl will nun nachschauen ob beim Landschaftsverband etwas in der Hinsicht dokumentiert wurde. Was ja eigentlich sein müsste, da in solchen Fällen die Polizei eingeschaltet wird. Roswitha erzählte, dass auch sie versucht hat sich, mit einer Glasscherbe, das Leben zu nehmen. Von ihrer Familie erzählte sie, die auseinander gerissen wurde. Sechs Geschwister lebten im gleichen Heim, ohne zu wissen das sie Geschwister sind. Auch von sexuellen Übergriffen blieb sie nicht verschont. Ein Küster der Elisabeth-Kirche in Lippstadt, welcher ihr Vormund war, missbrauchte sie mehrmals. Nach einer Nacht, die Roswitha im Kohlenkeller verbringen musste, sah sie einen Jungen der sich nicht mehr bewegte. Schwester Engelmundis rief aufgeregt nach dem Hausmeister und befahl, so Roswitha: „ Räumt dieses mal weg, hier!“
Über die private Teilnahme von Annegret Krauskopf, Mitglied des Landtages, NRW, haben sich die ehemaligen Heimkinder sehr gefreut. Sie kennt das Vincenzheim aus ihrer Zeit als Praktikantin 1962. Sie hatte diese Zeit niemals in ihrem Leben vergessen und erst vor wenigen Wochen zufällig in einer Radiosendung mit Regina Eppert während einer Autofahrt durchs Ruhrgebiet von dem geplanten Heimkinder-Treffen im Vincenzheim erfahren. Die Begegnung von Marlies Esser und Frau Krauskopf nach mehr als 40 Jahren war für beide ein ganz besonderes Erlebnis. Frau Krauskopf erinnerte sich daran, als sie Marlies weinend auffand, weil die Heimleitung und ihr Vater sie bedrängt hatten, ihr Kind zur Adoption frei zu geben. Die Politikerin versprach den ehemaligen Heimkindern, sie weiterhin bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu unterstützen.
Frau Hildegard Chorhummel wurde gefragt: „Gab es in der Kinderstation ärztliche Versorgung?“ Sie antwortete: „Ärzte waren immer anwesend.“ Eine Betroffene sagte leise: „Ich habe in der Kinderstation nie einen Arzt gesehen.“
Das Schlusswort sprach Frau Chorhummel. Sie war sehr betroffen von den Berichten der ehemaligen Zöglinge und erwähnte, dass diese Heim-„Erziehungsmethoden“ in der Zeit durchaus üblich waren.
In den Pausen wurde sehr rege diskutiert und Frau Neulen sowie auch Herr Langesberg haben sich jedem Gesprächspartner aufmerksam angenommen und soweit es möglich war, Fragen beantwortet.
Einige Fragen blieben aber auch bei diesem Treffen unbeantwortet. So hätten wir z.B. gern Aufklärung über die Medikamente, die uns damals verabreicht wurden. Welche Medikamente waren dies, welche Wirkung hatten sie und wer hat sie verordnet?
Aber wir haben das Versprechen aller Beteiligten, weiter mit uns an der Aufarbeitung unserer Geschichte zu arbeiten.
Alle waren sich auch darüber einig, dass dieses Treffen nicht das letzte gewesen sein soll, sondern der Anfang einer Reihe vieler Gespräche.
Wie auch bei Veranstaltungen in anderen Heimen war wieder zu spüren, wie tief die Wut und Traurigkeit noch immer in den Menschen steckt über das Erlebte in Häusern, die den Namen „Heim“ zur damaligen Zeit nicht verdienten.
|